Pressespiegel

Mittwoch, 2. Mai 2012, bil

Tages Anzeiger

Die grosse Erleichterung in Bern

Es ist ein Lied, das zuletzt nicht mehr häufig gespielt wurde, und das liegt nicht daran, dass es schon 21-jährig ist. Nur: Es erklingt nach Spielschluss im Stade de Suisse eben nur, wenn die Young Boys gewonnen haben – schliesslich heisst der Klassiker von Züri West «Hütt hei sie wieder mau gwunne». Und das war in dieser Saison nicht oft der Fall: Lediglich in 5 von 14 Heimspielen siegte YB bis gestern, da der FC Zürich in Bern gastierte. Nach der Partie wird der Song wieder einmal gespielt, 1:0 gewinnt YB, Raul Bobadilla erzielt das goldene Tor – die erste Niederlage für den FCZ unter Interimstrainer Urs Meier.

Bei den Berner Zuschauern dagegen ist die grosse Erleichterung greifbar. Ein 1:0-Sieg im Spiel 1 nach der Entlassung von Christian Gross am Sonntagabend tut der leidensfähigen und leidensgeprüften Berner Seele gut. Vor weniger als einem Jahr war der Zürcher mit viel Pomp als neuer Trainer der Young Boys vorgestellt worden – doch statt zur Erfolgsgeschichte entwickelte sich die Liaison zwischen dem Zürcher und den Bernern zu einem einzigen Missverständnis. 14 Siegen standen 10 Niederlagen gegenüber, keines seiner letzten neun Spiele gewann Gross. 25 Punkte trennten die als Herausforderer angetretenen Berner vom neuen, alten Meister Basel zuletzt (22 sind es nun), und das entspricht gewiss nicht dem, was Verwaltungsratspräsident Benno Oertig sich unter der «Phase 3» vorgestellt hatte.

Der neue Berner Buhmann

So ist jetzt, da der in Bern ungeliebte Gross seinen Posten räumte, eben Oertig bei den Fans der Buhmann. Die Schlagzeile von der «Phase 3» schuf der Ostschweizer im August 2010, als er an der Position des Geschäftsführers Stefan Niedermaier durch Ilja Kaenzig ersetzte. Längst wird sie ihm wieder und wieder hämisch vorgehalten. «Ob Phase 1, 2 oder 3», dichten die YB-Fans auf einem Transparent, «Oertigs Zeit ist bald vorbei». Auch die Gebrüder Rihs stehen in der Kritik.

Ob St. Galler Unternehmer oder Zürcher Trainer – es scheint sich dieser Tage wieder zu zeigen, wie schwer sich Berner mit Auswärtigen tun. Hingegen werden Leute wie Erminio Piserchia oder Thomas Häberli mit schierem Heldenpathos verehrt. Der eine ist zwar Baselbieter und der andere Luzerner – aber Piserchia gibt nun schon zum fünften Mal den Interimstrainer für YB, während Häberli nach 9 Jahren und 267 Spielen für die Gelbschwarzen als Integrationsfigur schlechthin gilt. Der YB-Nachwuchschef und der Trainer der U-18 bilden in der Nach-Gross-Ära bis zum Saisonende das Duo an der Seitenlinie. Gegen den FC Zürich sieht das so aus: Piserchia steht, die Arme verschränkt, permanent in der Trainerzone, Häberli lauerte ein paar Meter hinter ihm. Derweil David Degen, Stammspieler unter Gross, ohne Aufgebot für das Spiel auf der Tribüne sitzt.

Die Zürcher «mutlos und passiv»

Dort sieht er zusammen mit 17 236 Zuschauern zu Beginn sehr engagierte Berner. Früh prüft Gonzalez FCZ-Goalie Leoni, bald erzielt Mayuka einen Treffer, der zählen muss, aber wegen angeblichen Offsides nicht zählt, dann stochert Bobadilla den Ball am Tor vorbei und scheitert Mayuka noch an Leoni. Und in der 42. Minute geht YB durch Bobadilla 1:0 in Führung. Mit einer Finte geht er an Zürichs Verteidiger Teixeira und Béda vorbei und trifft ohne Mühe. Der Zürcher Ertrag bis zu diesem Zeitpunkt, da der Schiedsrichter zur Pause pfeift: null.

Wie die Young Boys will der FCZ noch den Europacup erreichen und damit eine triste Saison halbwegs gütlich abschliessen. Dafür tut er in der zweiten Halbzeit zwar mehr als vor der Pause – aber immer noch zu wenig. Einmal schiesst Chikhaoui, und einmal köpfelt er, es sind die einzigen Chancen der Gäste bis zur Nachspielzeit. Dort gehört dem FCZ wenigstens die letzte Aktion der Partie: Nach einem Freistoss vergibt Drmic frei stehend aus kurzer Distanz. «Wir waren zu mutlos und zu passiv», kritisierte Trainer Urs Meier. Weil YB in der zweiten Halbzeit stark abbaute, war deren Unterhaltungswert überschaubar. Eine Tatsache, die aber an den meisten Berner Anhängern abprallte – wenigstens wieder einmal gewonnen.

 

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