«Unseren Jungen fehlt der letzte Biss»
Es ist wie immer, wenn Ludovic Magnin trainiert. Er schreit, er treibt die Mitspieler an, er staucht sie bei einem Gegentreffer zusammen, er jubelt frenetisch mit ihnen, wenn ein Tor gelingt. Auch für manchen Scherz ist er in der eisigen Kälte auf der Allmend Brunau zu haben. Er balgt sich mit Tihinen, er zählt Rochat im Stil eines Ringrichters im Boxen an, nachdem dieser von einem Ball am Kopf getroffen wurde – wenig später aber ist er am Spielfeldrand mit Trainer Challandes in ein ernsthaftes Gespräch vertieft.
31-jährig wird der Romand Magnin im April, seine Unbeschwertheit und eine kindliche Übermut hat er sich bewahrt. Daneben aber weiss er genau, was von ihm beim FCZ erwartet wird. Er soll in der Mannschaft eine Führungsrolle übernehmen, für Schwung, Dynamik und Feuer sorgen. Er fühlt sich bereit dazu, er sagt ohne zu lachen: «Ich tue alles, um mit dem FCZ an die Spitze zu kommen. Auch aus Eigeninteresse. Nur wenn ich gut spiele, bin ich glaubwürdig, nur dann habe ich Einfluss in der Mannschaft und die Chance, nach Südafrika zu reisen.» Die WM im Juni wäre sein viertes grosses Turnier nach den EM 2004 und 2008 und der WM 2006. Auch deswegen ist er nach acht Jahren in der Bundesliga in die Schweiz zurückgekommen.
Die Rückkehr – «ideale Zeit»
«Ich habe im Herbst beim VfB Stuttgart kaum gespielt. Ich hatte Meinungsverschiedenheiten mit Trainer Babbel. Ich bin nicht der Typ, der auf die Bank sitzt, ruhig ist und Ende Monat den Lohn kassiert. Ich verdiene lieber weniger, wenn ich dafür spielen darf. Christian Gross, Babbels Nachfolger, wollte mich zwar beim VfB halten, aber ich hatte mich bereits für den FCZ entschieden. Der Zeitpunkt für eine Rückkehr in die Schweiz war ideal. Ich bin 30, ich bekam in Zürich einen guten Vertrag bis 2013, und ich habe mit dem Klub gute Perspektiven. Ich will mit dem FCZ ein paar Titel gewinnen. Spieler wie Wicky, Vogel oder Müller sind zu lange im Ausland geblieben. Schliesslich waren sie zu alt, um selbst in der Schweiz noch interessant zu sein.»
Die Bundesliga – «mein Stolz»
«Ich bin für die Deutschen immer der kleine Schweizer geblieben. Aber mich macht es stolz, dass ich es als Fussballer aus dem kleinen Echallens im Waadtland mit Bremen und dem VfB bis zum Meistertitel geschafft habe. Die Bundesliga ist eine grosse Meisterschaft, sie bewegt die Massen, die Stadien sind voll. Ich werde mich daran gewöhnen müssen, nicht mehr in München vor 69 000 Zuschauern, sondern in Aarau oder Bellinzona vor 3000 zu spielen. Das wird ein Kulturschock für mich werden, aber ich bin gut darauf vorbereitet.»
Der FCZ – «Differenz im Kopf»
«Der FCZ ist ein Superklub. Der Wechsel verlief reibungslos. Ich traf Präsident Canepa und Sportchef Bickel zufällig an der ‹Nacht des Schweizer Fussballs›. Sie fragten, mehr im Scherz: ‹Wie wär’s mit dem FCZ?› Und jetzt bin ich da. Das technische Niveau hier ist so gut wie bei Werder oder beim VfB. Es geht in Deutschland in den Zweikämpfen einfach viel härter zur Sache. Die grösste Differenz liegt im Kopf. Der Deutsche will immer siegen, er geht auf den Platz und ist überzeugt: ‹Heute gewinnen wir.› Egal, ob es gegen die Bayern oder gegen den VfL Bochum geht.
In der Schweiz gibt es viele Talente, nicht umsonst sind wir bei den U-17Junioren Weltmeister. Auch beim FCZ sehe ich hoffnungsvolle Spieler. Viele sind technisch stärker als ich. Aber unseren Jungen fehlt der letzte Biss. Ich kann nicht verstehen, wenn sich nach dem Training die Jungen als Erste in die Kabine verziehen, während die Älteren zusätzlich Dehnübungen machen oder Standardsituationen üben.»
Der Trainer – «ein Typ wie ich»
«Bernard Challandes hat bei meinem Wechsel sicher eine Rolle gespielt. Ich kenne ihn schon lang, er war Trainer in Yverdon, als ich als Bub an der Hand meines Vaters die Spiele besuchte. Später war er mein Trainer bei den Titanen, jener U-21-Mannschaft, die 2002 bei der EM in der Schweiz die Halbfinals erreichte. Ich mag Challandes, er ist ein Typ wie ich: emotional, fordernd, manchmal auch laut. Er redet den Leuten nicht nach dem Mund, er sagt, wenn ihm etwas nicht passt. Über die Jahre ist er ein wenig ruhiger geworden – wie ich.
Ich arbeitete während meiner Karriere mit einigen guten Trainern: Schaaf, Trapattoni, Veh, Babbel, nun Challandes . . . Am meisten geprägt hat mich Lucien Favre. Er holte mich mit 17 Jahren von Lausanne nach Yverdon und gab mir sofort eine Chance. Ich habe ihm viel zu verdanken.»
Die Familie – «auch Heimweh»
«Ich bin im Verlauf meiner Karriere oft umgezogen. Meine Frau Chantale ist immer mitgekommen und hat alles perfekt organisiert. Sie arbeitet in Zürich in der Immobilienbranche. Ich denke aber, sie könnte ohne Probleme ein Umzugsunternehmen leiten. Nun leben wir im Rheintal, in der Nähe ihrer Eltern. Seit Montag sind wir zu fünft, nach Nicos und Thierry haben Chantale und ich eine Joy geschenkt bekommen. Am glücklichsten bin ich zu Hause. Wenn ich zu lang weg bin, habe ich manchmal auch Heimweh. Und Hotelzimmer sind mir je länger, je mehr ein Graus.»







