DE FR EN
Eine Tanzstunde mit ganz wenig Sexappeal
Magnin weint Frey nicht nach

Im Revier des Unnachgiebigen

Die Arbeit ist zu Ende und die Zeit da für einen flotten Spruch. «Was? Ein Fotoshooting? Das setzt dich unter Druck für Sonntag!», ruft Ludovic Magnin quer über den Platz. Yanick Brecher kann seinen Trainer zwar nicht überhören, aber mehr als ein Lächeln gibt er nicht als Antwort.

In der Allmend Brunau stellt er sich in ein Tor, das ist sein Revier. Der 25-Jährige ist Goalie beim FC Zürich, «ein Traumjob», sagt er. Als er später in Zivilkleidung an einem Tisch Platz nimmt, ist ein Tattoo am rechten Oberarm unübersehbar: «Live your dream». Es drückt die Grundhaltung eines Menschen aus, dem die Lust an seinem Beruf noch nie abhandengekommen ist und der sich von Träumen leiten lässt. Er sagt: «Ich bin kein Nörgler.»

Dabei hat Brecher schon einige Momente erlebt, die ihn daran hätten hindern können, gut gelaunt durchs Leben zu gehen.

In jungen Jahren kennt er keine Sorgen. Er wächst in Uetikon am See in einer sportbegeisterten Familie auf, kickt als Junior beim FC Männedorf, manchmal dirigiert er im Mittelfeld und schiesst Tore. Aber er findet es lässiger, Goalie zu sein, denn er darf als einziger Handschuhe tragen. Im Ohr ist ihm der Satz eines Primarlehrers: «Yanick, nicht jeder wird Profi. Die Schule ist auch wichtig.»

Fünferschnitt im Zeugnis

Aber Brecher hat bei den Lehrern keine Probleme, sondern Kredit. Weil er umgänglich ist. Weil er leicht lernt. Als er zum FCZ wechselt, darf er den Unterricht in der Oberstufe eine halbe Stunde früher verlassen, um den Zug nach Zürich nicht zu verpassen. In der Ausbildung zum Polymechaniker in Meilen gewährt ihm sein Chef, ein FCZ-Fan, viele Freiheiten, wenn er im Schnitt die Zeugnisnote 5 erreicht. Brecher erfüllt die Vorgabe. Auch sportlich ist er in flottem Tempo unterwegs, kommt zu Einsätzen in Nachwuchsauswahlen, wird U-21-Goalie bei den Zürchern. Und erhält einen Profivertrag.

Er hat jetzt noch David Da Costa vor sich, muss sich indes gedulden, um an einem vorbeizukommen, der bei den Fans hohes Ansehen geniesst. Brecher nimmt einen Umweg, lässt sich nach Wil ausleihen, aber im April 2015 wird Da Costa aussortiert - und für Brecher beginnt mit der Heimkehr eine derart ereignisreiche Zeit, dass er heute sagt: «Andere haben mit 30 in ihrer Karriere nicht so viel erlebt wie ich. Die vergangenen drei Jahre waren extrem.»

Er spielt, bis der Trainer nicht mehr Urs Meier, sondern Sami Hyypiä heisst. Der wortkarge Finne setzt Brecher wieder auf die Bank und zermürbt ihn. Dieser möchte eine Begründung. Und prallt bei Hyypiä ab.

Tränen vor dem Neustart

Mitte Mai 2016 ist es, als mit Uli Forte der nächste Coach da ist, und die Erinnerung an einen Sonntagmorgen kurz vor Saisonende kann Brecher detailliert abrufen. Nach einem Kopfball von Cédric Brunner setzt er zu einem Hechtsprung an, was im Knie passiert, fühlt sich an «wie eine Explosion». Er hat Schmerzen, es fliessen Tränen, aber auf dem Weg ins Spital redet er sich ein: «Das ist Tag eins meiner Reha.» Brecher erleidet einen Kreuzbandriss, der FCZ steigt ab - es kommt viel zusammen für den jungen Mann.

Brecher ist eine imposante Erscheinung, 1,96 Meter gross, aber er muss zuerst wieder aufstehen. Er bringt die Geduld auf, er ist sich auch nicht zu schade, in der Promotion League mit dem FCZ dort anzutreten, wo keine Fernsehkameras auf ihn gerichtet sind. Er sagt: «Mich bringt niemand von meinem Weg ab.» In der ersten Mannschaft hat er den nächsten Konkurrenten vor sich, Andris Vanins. Brecher kann sich einen Wechsel vorstellen und bleibt nur, weil er die Zusicherung erhält, wenigstens im Cup spielen zu dürfen.

Aber aus dem Cup-Goalie wird plötzlich auch der Super-League-Goalie, weil Ludovic Magnin im Februar neuer Chef wird und das so will. Und am Ende ist Brecher auch Cupsieger-Goalie. Aus der Ferne beobachtet Urs Meier die Vorgänge mit Genugtuung. Er war der Trainer, der im April 2015 Brecher zur Nummer 1 machte und deswegen Skepsis wahrnahm: «Viele Leute dachten: Was soll das? Für mich war klar: Yanick bringt ideale Voraussetzungen mit. Jetzt sieht man, dass ich nicht ganz falsch lag.»

Brecher unterlaufen zwischendurch Fehler, es hat solche darunter, die zu heftiger Kritik führen. Das schmerzt zwar, aber ob «Mega-Bock» oder «Mega-Flop»: Er bleibt unnachgiebig, er knickt nicht ein, er steckt alle Schlagzeilen weg. «Wer das nicht kann, hat ein Problem», sagt er. Um noch stärker zu werden, arbeitet er mit einem Mentaltrainer zusammen. Und Ratschläge gibt ihm auch der 36-jährige Teamkollege Alain Nef, mit dem er vor Spielen und im Trainingslager das Hotelzimmer teilt.

Golf, Tennis, Boxen

Brecher gelingt es, eine Trennlinie zwischen Beruf und Privatleben zu ziehen. Seine Freizeit verbringt er auf dem Golfplatz oder beim Tennisspielen, gelegentlich steht er auch im Boxkeller - von Sport kann er nicht genug bekommen. Und vom FCZ eigentlich auch nicht. Als Knirps begleitete er den Götti in den Letzigrund, 2009 stand er als Fan in der Südkurve und jubelte dem Meister zu. Heute sagt er: «Es gibt in der Schweiz nichts Besseres für mich als den FCZ.» Vor einer Belastungsprobe stünde die Liebe erst, wenn sich ein Verein aus Deutschland melden würde. Die Bundesliga steht hoch in Brechers Gunst.

Für Ludovic Magnin zeigt sein Torhüter eine «sensationelle Mentalität», er sagt: «Er ist nicht aus dem Nichts Stammspieler geworden.» Aber er wünscht sich doch, dass Brecher bei hohen Bällen mehr Präsenz zeigt, mutiger das Tor verlässt, den Mitspielern und dem Gegner demonstriert: Ich bin da.

Morgen geht es gegen Basel. Brecher rechnet mit Arbeit und hofft auf eine prickelnde Atmosphäre. Ihn macht der Gedanke daran so wenig nervös wie ein Spruch des Trainers vor dem Fotoshooting: «Es gibt nichts Schöneres als solche Spiele.»

News

Der FC Zürich ist eine Mannschaft der Verheissung: sie verspricht viel und kann es nicht immer halten

Der FC Zürich ist eine Mannschaft der Verheissung: sie verspricht viel und kann es nicht immer halten

Punkte hat der FCZ in der Hinrunde nicht genug eingespielt – nicht genug, wenn man sich daran erinnert, wozu die Mannschaft in diesem Herbst in der Lage war.

Für den FCZ kommt die Pause keinen Tag zu früh

Für den FCZ kommt die Pause keinen Tag zu früh

FCZ-Analyse Zu viele Spieler und doch zu wenig Tiefe: Das Kader ist ein Paradoxon.
von Florian Raz

Magnin glüht

Magnin glüht

Porträt Mit der Winterpause endet für Ludovic Magnin ein lehrreiches Jahr als FCZ-Trainer. Er hat in diesem Spuren hinterlassen - aus Freude und Zorn.

Was ist nun ein gutes Los?

Was ist nun ein gutes Los?

Als einziger Schweizer Club überwintert der FCZ europäisch. Dank dem zweiten Platz in der Europa League flossen bisher 5,8 Mio. Euro Prämien in die Vereinskasse. Das ist die Ausgangslage für die Auslosung der Sechzehntelfinals am Montag (13 Uhr)

Alle News