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Spektakel mit verrücktem Ende
Freude haben und siegen

Rudi Völler sagt: «Wenn Sie heute ins Ausland fahren, wird jeder Bayer Leverkusen kennen. Das haben wir uns erarbeitet»

Es ist ein Tag wie aus einem Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke, die Sonne scheint durch die verfärbten Blätter im Park, und gleich daneben steht ein Stadion. Es gehört dem Verein, der der unglücklichste Fussballklub Deutschlands sein muss, weil er so viele Verlierergeschichten erlebt hat, wie sie über die Jahre eigentlich kein Sportklub aushalten kann. An einer Ecke der Arena ist das Porträt von Erik Meijer aufgemalt, es sieht aus wie eine Art Heiligenbild. Darunter steht der Spruch des Stürmers: «Nichts ist scheisser als Platz zwei.»

Meijer ist Niederländer und hat diesen ungelenken Satz Ende der neunziger Jahre einmal gekauderwelscht, als er hier Fussball spielte. Meijer konnte damals nicht ahnen, wie sehr diese Worte zum Schicksal von Bayer 04 Leverkusen geworden sind: ewiger Zweiter, fünf Mal hinter dem Meister in der Bundesliga, zwischen 1997 und 2002 gleich vier Mal, zuletzt 2011. 2002 kamen noch die Niederlagen im Final der Champions League und im Cup-Endspiel dazu. Dramatischer verlieren geht nicht. Zum Klagelied «Bitter Sweet Symphony» von The Verve liefen sie früher jeweils ins Heimstadion ein.

Rudi Völler, 58, Geschäftsführer Sport von Bayer Leverkusen, sitzt in einer grossen Loge des Stadions, trinkt Kaffee und sagt: «Heute würden viele Vereine gern mit Blut unterschreiben, wenn sie Zweiter werden in der Bundesliga.»

Patent 3030100115726

Im Jahr 2010 liess sich Bayer Leverkusen den Begriff «Vizekusen» unter dem Aktenzeichen 3030100115726 patentieren. Ohne all die Tragik selbstironisch zu brechen, lässt sie sich schlecht ertragen. Was soll man sonst tun, als über diesen Fluch zu lachen? Sie sind nicht die einzigen, die sich nicht ganz so ernst nehmen wollen, Mainz und Köln singen, sie seien «ja nur ein Karnevalsverein». Aber in Leverkusen ist die Sache etwas anders. Einer Werksmannschaft der Bayer AG, des Konzerns aus der ernsten Industrie von Chemie und Pharmazie, liegt die Sache mit dem Humor nicht unbedingt in der Kultur. «Pillendreher» nannten sie den Klub früher oder «Plastikklub», ein traditionsferner Verein, den die Kulturkonservativen verachteten, so wie sie es heute mit den Leipzigern von Red Bull oder der TSG Hoffenheim tun.

Aber irgendwie hat es Leverkusen in den letzten Jahren geschafft, dazuzugehören, ja mehr noch: Der Klub steht in seiner 40. Bundesligasaison in Folge, nur der FC Bayern und Dortmund sind länger dabei. «Wenn Sie heute ins Ausland fahren, egal wohin, Bayer Leverkusen wird jeder kennen, glauben Sie mir. Das haben wir uns erarbeitet», sagt Völler. In den achtziger und neunziger Jahren sei es den Spielern fast peinlich gewesen, für Bayer zu spielen, erzählte er vor Jahren in einem Interview. So ist es schon lange nicht mehr.

Das Gesicht des Klubs

Gerade hat Leverkusen wieder eine kleine Krise, nur Rang 13 nach 8 Runden. Vor dem Spiel gegen den FC Zürich am Donnerstag in der Europa League braucht der Trainer Heiko Herrlich, Überlebender einer schweren Krebskrankheit und Bibelleser, etwas Hilfe. Und oben im Stadion sitzt Völler und versucht angestrengt, zu ihm zu halten.

Völlers Stirnlocken, die ihm den Spitznamen «Tante Käthe» eintrugen, sind weiss geworden, das Hemd unter dem blauen Sakko spannt etwas. Völler war schon fast alles hier im Verein: Als Spieler beendete er 1996 seine Weltkarriere in Leverkusen, er war Interimstrainer und Sportdirektor. Anfang des Jahrtausends ging er fünf Jahre kurz weg, er war deutscher Nationaltrainer und etwas mehr als 20 Tage lang der Coach der AS Roma. Das macht insgesamt fast 20 Jahre Bayer Leverkusen. Er sagt:« Natürlich weiss ich, dass ich das Gesicht des Klubs bin.» Vielleicht passt er auch deshalb so gut zu Bayer 04, weil er wie der Klub nie deutscher Meister geworden ist, «ich habe nur die wichtigen Titel gewonnen»: Weltmeister 1990, Sieger der Champions League 1993 mit Marseille.

Völler ist ein Stück deutsche Fussballkultur, nicht nur wegen seiner Stürmertore. Neben Giovanni Trapattoni hat er die berühmteste Traineransprache Deutschlands gehalten, die Wutrede als Nationalcoach auf Island vor 15 Jahren. Und beim Torwandschiessen im «Aktuellen Sportstudio» im ZDF, eine Art Fernsehzirkus seit 1966, hat er bei sechs Versuchen fünf Mal getroffen. Das ist Rekord. Neben ihm haben das nur sechs andere geschafft (unter ihnen der frühere Schweizer Nationaltrainer Rolf Fringer. Pelé traf gar nicht).

Völler war für alle immer der Rudi, und jetzt ist er ein etwas einsamer Star des Vereins. Nicht so wie 2002, als Bayer im Final der Champions League gegen Real Madrid stand, «das war die Zeit, als wir mit Abstand die beste Mannschaft in der Geschichte von Bayer Leverkusen hatten, mit Michael Ballack, Zé Roberto, Lucio, Bernd Schneider, Dimitar Berbatow». Heute wäre ein Endspiel in der Champions League nicht mehr möglich, sagt Völler, damals sei man wirtschaftlich mit dem FC Bayern auf Augenhöhe gewesen, «heute gehören wir vom Etat her zu den Top 7 der Bundesliga, aber zu Dortmund und vor allem zu den Bayern ist es ein wahnsinniger Unterschied» – obwohl der Klub vom Bayer-Konzern jedes Jahr 25 Millionen Euro erhält. Leverkusen kann sich keine Prominenten-Mannschaft mehr leisten wie damals, und eine Schickeria gibt es in der Stadt mit den 166 000 Einwohnern auch nicht. Der Box-Weltmeister Henry Maske eröffnete beim Stadion eine McDonald’s-Filiale und ist manchmal an den Spielen. Aber sonst?

Helmut Kohl greift ein

«Da muss ich Ihnen widersprechen», sagt Völler, als an diesem Morgen im Stadion behauptet wird, Leverkusen sei halt keine der ganz grossen Adressen in der Bundesliga. Der Verein ist zwar schon lange etabliert, aber der Rechtfertigungsdruck ist geblieben. Dabei hat der Klub so viele wunderbare Geschichten erlebt. Er ist älter als die Stadt, in der er wohnt, Leverkusen entstand erst 26 Jahre nach der Vereinsgründung durch einen Zusammenschluss mehrerer Orte. Und oftmals wird dem Klub Unrecht getan, vielleicht weil beim Empfang im Stadion nur zwei Pokale in der Vitrine stehen: für den Cup-Sieg 1993 gegen die Amateure von Hertha Berlin. Und für den Sieg im Uefa-Cup 1988 gegen Espanyol (zuvor mussten sie Barça schlagen, wo Andoni Zubizarreta im Tor stand und Bernd Schuster und Gary Lineker spielten).

Nur einmal hat eine kleinere Stadt einen Europacup-Titel gewonnen, Mechelen aus Belgien. Leverkusen also wieder einmal auf Platz 2.

Sportlich ist Leverkusen eine feste Grösse, allein in den letzten sechs Jahren spielte man vier Mal in der Champions League. Vor allem aber hatte der Klub einige der prägendsten Fussballer Deutschlands bei sich, neben Völler auch Michael Ballack, den «Capitano» der Nationalmannschaft, einmal WM-Zweiter, einmal EM-Zweiter, wie könnte es anders sein. Auch Bernd Schuster spielte hier, der blonde Engel mit den schulterlangen Haaren, der am Karrierenende in Leverkusen so viele schöne Treffer erzielte, dass er 1994 bei der Wahl zum Tor des Jahres die ersten drei Plätze belegte. Die Tore hatte er gegen Weltgoalies wie Oliver Kahn und Andreas Köpke erzielt. Und dann war da noch Ulf Kirsten, einer der ersten DDR-Fussballer in einem westdeutschen Klub. Der Manager Reiner Calmund, der Bayer 04 von 1976 bis 2004 geprägt hatte, war der Schnellste, als es darum ging, nach der Wende in der früheren DDR zuzulangen. Er verpflichtete Andreas Thom und wollte Matthias Sammer haben. Da soll Helmut Kohl eingegriffen haben mit der Bemerkung, Calmund könne nicht die ganze DDR leerkaufen.

Auch die Trainer waren in Leverkusen oft illuster: Dragoslav Stepanovic, der Mann mit den lustigen Krawatten und dem Zigarillo im Mund; Christoph Daum, der die Spieler über Scherben gehen liess und über eine Kokain-Affäre stolperte; oder der Niederländer Rinus Michels, Erfinder des «totalen Fussballs»; und hier wurde Jupp Heynckes nach unglücklichen Jahren wieder zum anerkannten Trainer, bevor er in München als Erfolgsguru gefeiert wurde und 2013 drei bedeutende Titel gewann.

Der Leuchtturm

Das Wichtigste in der jüngeren Geschichte des Werkklubs war, dass er sich an seine Identität gewöhnte und sich nicht mehr für sie schämte. Der Verein gehört der Bayer AG, eigentlich sind solche Mehrheitsverhältnisse im deutschen Fussball nicht erlaubt. Eine Ausnahme besteht nur, wenn ein Investor vor dem 1. Januar 1999 seit mehr als 20 Jahren den Fussballsport des Muttervereins «ununterbrochen und erheblich gefördert» hat. Völler schenkt noch eine Tasse Kaffee ein und sagt: «Zu Beginn der Jahrtausendwende hat man eine clevere Strategie begonnen. Man hat den Begriff der Werkself erfunden und die Verbindung zur Bayer AG in den Vordergrund gestellt. Ja, wir sind eine Werksmannschaft und stehen dazu. Das war genau die richtige Entscheidung, um in die Gegenattacke zu gehen und um über uns selber zu schmunzeln.» 2007 wollte der Konzern das Bayer-Kreuz im Stadthimmel abbauen, eine übergrosse Leuchtreklame auf 120 Meter Höhe. Die Leverkusener Fans wehrten sich erfolgreich. Das Kreuz ist auch ihr Wahrzeichen geworden, eine Art Leuchtturm für eine gute Zukunft. Irgendwann wird es vielleicht doch noch klappen mit einem Meistertitel.

Der FCZ-Coach Magnin und die Bundesliga

«Die Bundesliga ist meine Welt», sagt der FCZ-Trainer Ludovic Magnin vor dem Spitzenspiel in der Europa League gegen Bayer Leverkusen (18.55 Uhr, Letzigrund). Acht Jahre spielte er in Deutschland, für Werder Bremen und den VfB Stuttgart, mit beiden Klubs wurde er Meister. Seit acht Spielen ist der FC Zürich ungeschlagen, und in der Europa League liegt er mit Leverkusen nach zwei Spielen und je sechs Punkten an der Spitze. Noch nie konnte der FCZ in einem Pflichtspiel gegen einen Bundesligaverein gewinnen. Magnin sagt: «Wir sind der Aussenseiter. Aber ich traue meiner Mannschaft zu, Paroli bieten zu können. Ich will nicht, dass sie sich nur freut. Ich will, dass sie sich bewusst ist, dass wir etwas zu verlieren haben.» Es werden 14 000 Zuschauer erwartet.

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