Der FCZ-Trainer Ludovic Magnin ist der Wutbürger des Schweizer Fussballs
Ein Hauch von Versöhnung

Der Mann mit den Spaghettibeinen

13 Jahre alt war Assan Ceesay, als ein Spieleragent bei ihm zu Hause auftauchte und der Mutter sagte, der Sohn habe Talent, er solle nach Frankreich in eine Fussballakademie. Für den kleinen Assan war der Fall klar, für die Mutter auch. Nur waren die Meinungen verschieden. Mutter Ceesay wollte, dass ihr Sohn dableibt, er sei noch zu jung, um seinen Träumen zu folgen. «Das war unfassbar hart, ich habe lange geweint», sagt Ceesay.

Doch bei allen Tränen und allem Zorn, es war jener Moment, in dem der schlaksige Junge aus der gambischen Hauptstadt Banjul das erste Mal daran glaubte, dass er es aus dem Land mit seinen zwei Millionen Einwohnern schaffen könnte; dass er einmal Fussballprofi werde; dass die Leute in seinem Quartier mit Stolz an ihn denken.

Mann der kurzen Sätze

Heute hat es Ceesay geschafft. Er ist Profi, Nationalspieler und spielt in Europa beim FCZ. Der 24-Jährige spricht kurze Sätze, obwohl er viel zu erzählen hätte. Er redet mit leiser Stimme, obschon seine Geschichte Ausrufezeichen zieren. Schweigsam und sensibel sei er, hat Trainer Ludovic Magnin gesagt. Als ruhig bezeichnet ihn Kollege Hekuran Kryeziu. Scheu, sagt Ceesay über sich selbst. Und vorsichtig.

Der Gambier durchlebt schwierige Zeiten. Der FCZ gewinnt zu wenig. Stürmer Ceesay schiesst zu wenig Tore. Seit er im Herbst für rund zwei Millionen Franken von Lugano nach Zürich gekommen ist, hat er zwei Tore geschossen. Bloss zwei Tore. Es gibt Leute, die nennen ihn Chancenvernichter, andere kritisieren seine bemitleidenswerte Art, Bälle anzunehmen (selbst die Mitspieler machen Sprüche), und manche sehen in Ceesay gar ein Symbol dafür, weshalb es dem FCZ nicht läuft und der Club in Abstiegsgefahr geraten ist. Viele Spieler leiden wie Ceesay an Formschwäche, zudem hat die Transferpolitik versagt. Als im Sommer mit Dwamena und Frey praktisch der ganze Sturm verkauft wurde, kamen Ceesay und mit Kasai, Andereggen und Binous Stürmer, die heute vor allem in der U-21 spielen. Ceesay sagt, dass er nicht der erste und auch nicht der letzte Stürmer sei, der an Torlosigkeit leide. «Die Tore werden kommen», sagt er, bis dahin müsse er stark im Kopf sein und seinen Stärken vertrauen: seinem Tempo und seinem Schuss.

Trainer Magnin hat schon vieles mit Ceesay versucht, hat mit ihm gesprochen, dann wieder gar nicht, manchmal war er leise und manchmal laut. Nun ist der Trainer zum Schluss gekommen, dass alles eine Frage des Selbstvertrauens sei. Doch es ist verzwickt. Für Tore braucht Ceesay Selbstvertrauen - und für dieses wiederum Tore. Er hat momentan beides nicht.

Als die Füsse bluteten

Es ist nicht das erste Mal, dass Ceesay als Fussballer leidet. Er hat als kleiner Junge lange barfuss gespielt, auf den Strassen und Feldern Banjuls, auf Sand und Stein, und weil er immer gewinnen wollte und darum nie zurückziehen konnte, kam der kleine Ceesay oft mit blutigen Füssen nach Hause - manchmal mit Wunden so arg, dass die Mutter mit ihm ins Spital musste, ganze Hautfetzen fehlten an den Zehen. «Sie hat keine Freude gehabt», sagt Ceesay. Geld für Fussballschuhe hatte die Familie damals keines, der Vater war Schneider und starb, als Ceesay 13 war, die Mutter verkaufte auf der Strasse Esswaren. «Wir waren nicht reich, aber auch nicht arm», sagt Ceesay.

Als er sieben war, veranstaltete seine Schule ein Fussballturnier, und Ceesay schoss am meisten Tore. Sein Preis: brandneue Schuhe. «Nike Tiempo», sagt Ceesay. Als könnte er jemals Grund und Namen für sein Zehenbalsam vergessen. Ceesay war gut und schnell. Aber auch anders gebaut als seine Kollegen. Sein Wuchs ist hager, seine Beine sind dünn und sehnig. «Den Mann mit den Spaghettibeinen», nennen sie ihn in Gambia schon früh, später dann, als er in die Höhe schoss: Torres. Auch darum, weil Ceesay Liverpool mag und den damaligen Stürmer Fernando Torres liebt. Und wie emotional dieser Junge war. Manchmal weinte er noch während des Spiels, weil es nicht lief, weil er nicht traf.

Erster Lohn: 75 Franken

Mit 17 durfte er in der höchsten gambischen Liga spielen, einer Liga für Halbprofis. Ceesay verdiente 75 Franken im Monat und wurde Torschützenkönig, er wechselte mit 20 ins Nachbarland Senegal und dann zu Lugano in die Schweiz. Er hat damals vor dem Wechsel Rat geholt, bei Pa Modou, dem heutigen Teamkollegen, dessen Familie in Banjul nur 400 Meter entfernt von Ceesay wohnt. Pa Modou sagte ihm, dass die Schweiz ein gutes Land sei, um seine internationale Karriere zu starten.

Mit Pa Modou teilt er den Glauben, Ceesay ist Muslim und betet fünfmal am Tag. «Ich will ein guter Mensch und dankbar sein», sagt er. Dankbar dafür, dass es gut gekommen ist mit seinem Leben, dass er nie eine Abkürzung genommen hat. Damals als Teenager auf den Strassen Banjus, als Gleichaltrige gekifft und gestohlen haben. Seine Mutter sagte ihm: Versprich mir, es ihnen nicht gleichzutun. Klein Assan versprach es. Heute rufen ihn manchmal Kollegen von damals an, jene Leute, die gekifft und gestohlen haben. Sie fragen, ob er nicht etwas Geld schicken könne. Ceesay schickt dann mit Western Union «50 oder 100 Franken» nach Gambia, wie er es auch mit anderen Bekannten und Familienmitgliedern macht. «Wenn ich helfen kann, macht mich das glücklich», sagt Ceesay.

Und weil er vorsichtig ist, überlegt er sich alle seine nächsten Taten und Schritte genau, er will nichts bereuen in seinem Leben. Wobei. Da gibt es die eine Sache, mit 13, der Agent, die Fussballakademie in Frankreich. Ceesay bereut, dass er damals nicht gegangen ist. «Dann wäre ich heute weiter», sagt er. Nun muss er Tore schiessen, um weiterzukommen.

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