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Der Vulkan Magnin bereitet sich auf die Explosion vor
Die Freude, der Kleine zu sein

Der Trainer Ancelotti ist Napolis Star. Aufgewachsen ist er so, wie man es aus den Don-Camillo-und-Peppone-Filmen kennt. Wie wurde er zum Welttrainer? Eine Spurensuche

Glückwünsche an den Lieblingsfeind: Das geht dann doch etwas zu weit. Vor ein paar Tagen twitterte Carlo Ancelotti um fünf Uhr morgens zum 34. Geburtstag von Cristiano Ronaldo: «Tanti auguri, campione.» Einen so freundlichen Trainer haben sie seit letztem Frühling bei der SSC Napoli, einen wahren Gentiluomo. Ancelotti und Ronaldo hatten früher bei Real Madrid zusammengearbeitet. «Ancelotti ist einer der wichtigsten und besten Menschen, die mir in meiner ganzen Zeit im Fussball begegnet sind», sagt Ronaldo, heute Juve-Spieler.

Napoli ist der Klub, dessen Anhänger T-Shirts tragen, auf deren Rückseite «Juve Merda» steht. Sympathien füreinander sind für Napoli und Juventus so verboten wie im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion. Der Tweet kommt nicht nur gut an. Doch Ancelotti ist diesem italienischen Nord-Süd-Streit irgendwie entwachsen. Er lebte in London, Paris, Madrid und München, seine zweite Frau Mariann ist in Vancouver geboren; und Ancelotti trainierte Spieler wie Zidane, Rivaldo, Ronaldo den Brasilianer, Ronaldinho oder Cannavaro, alles gewählte Weltfussballer, die überall zu Hause sind.

Gemütlicher Fussball

Und nun betritt dieser Ancelotti, 59, den Medienraum des Letzigrundstadions in Zürich. Er trägt Trainingskleider und eine Kapuzenjacke, die grauen Haare sind fein gescheitelt wie immer. Noch nie hat er mit einer Mannschaft in der Europa League gespielt, die Partie gegen den FCZ ist für ihn, der schon so viel erlebt hat, eine Premiere. Jemand wie er hält sich eigentlich immer in der Champions League auf, doch dort ist Napoli in der Gruppe an Paris und Liverpool gescheitert. «Den Titel in der Europa League zu gewinnen, wäre die Krönung der Saison», sagt Ancelotti. Man sieht ihm den Lebemann an, das Gesicht ist rund, er ist etwas übergewichtig. Etwas vom Ersten, das er damals als Trainer in Paris veranlasste, war, ein kleines Restaurant auf dem Trainingsgelände zu öffnen, für die Spieler. Und natürlich für ihn.

Nach neun Jahren im Ausland bei Chelsea, PSG, Real und Bayern kehrte er wieder nach Italien zurück, um den schwierigsten Auftrag im Land zu erledigen: Napoli nach fast dreissig Jahren wieder zum Meister zu machen. Dreimal war die SSC in den letzten sechs Saisons Zweite. Es ist eben so: In Neapel wird der schöne Fussball gespielt, unter Ancelotti ist er vielleicht noch etwas gemütlicher als früher. Und in Turin bei Juventus wird der erfolgreiche Fussball gespielt. Auch in dieser Saison liegen die Neapolitaner schon wieder elf Punkte hinter Juve. Und seit Mitte Dezember haben sie auswärts in der Serie A kein Tor mehr geschossen.

Trainer seiner Zeit

Ancelotti ist einer wie José Mourinho oder Josep Guardiola, einer der erfolgreichsten Trainer seiner Zeit. In jedem Land, in dem er arbeitete, wurde er Meister, ausser in Spanien, dafür gewann er dort mit Real die Champions League, wie zuvor schon zweimal mit Milan. Die Entlassung in München vor eineinhalb Jahren bezeichnete er kürzlich als «einzige bittere Erfahrung» seiner Karriere. Schlimm war bloss noch die Zeit als Trainer bei Juventus, wo ihn die Fans als Schwein beleidigten. Sonst war er fast ausnahmslos erfolgsverwöhnt und erfolgsgewohnt. Dabei trug er bei einer der spektakulärsten Finalniederlagen der Fussballgeschichte die Verantwortung, beim 5:6 Milans im Penaltyschiessen gegen Liverpool, obwohl man 3:0 geführt hatte. Ancelotti schrieb in seiner Biografie mit dem Titel «Quiet Leadership»: «Das Spiel, das wir lieferten, war das qualitativ beste Finale, das ich je gecoacht hatte.»

Am ehesten ähnelt Ancelotti Sir Alex Ferguson, weil beide keine dogmatischen Prediger und beide etwas «old school» sind. Kürzlich sagte Ancelotti in der Zeitung «France Football»: «Es gibt keinen Ancelotti-Stil, weil ich mein Spiel nach den Fussballern ausrichte.» Aber einen besonderen Führungsstil hat er. In seiner Biografie beschrieb er ihn so: «Schauen Sie sich Vito Corleone in ‹Der Pate› an: Sehen Sie einen schwachen, in sich gekehrten Mann? Oder sehen Sie einen ruhigen, mächtigen Mann, der die Dinge unter Kontrolle hat?» Das ist Ancelottis Selbstbild: Marlon Brando als Godfather. Und er wäre dann also Don Carlo. Oder vielleicht besser Don Carletto, das Karlchen. Denn sein früherer Spieler Paolo Maldini sagte über ihn: «Tief im Inneren ist er ein Teddybär.»

Ancelotti mag Aufsteiger, die eigentlich keine Chance haben, Adriano Celentano, den Sänger, der einfach nicht aufgibt. Oder den Aussenseiter Al Pacino, der es nach Hollywood schafft. Ancelotti ist einer von ihnen. Er war schüchtern, bevor er diesen Wunder-Ruf als Trainer bekam, als Friedensstifter in den Kabinen, als menschlichster aller Startrainer. Aber auch als grosser «Manipulator» und Menschenversteher, wie Zlatan Ibrahimovic über ihn erzählte. «Bei ihm ist alles ein psychologisches Spielchen.»

Und wenn es einmal richtig ernst wird im Leben, ist auf Ancelotti Verlass. Als sein Verteidiger Kalidou Koulibaly kürzlich in Mailand von Zuschauern rassistisch angefeindet wurde, sagte Ancelotti, beim nächsten Mal werde er die Mannschaft in die Kabine schicken.

Wie bei Don Camillo

Ancelotti, geboren als Sohn eines Milchbauern mit zehn Kühen in Reggiolo in der Emilia-Romagna, wuchs in einer armen Familie auf. Am Strand war er zum ersten Mal mit 15. Den im Hof hergestellten Käse schickten sie nach Parma, wo später seine Spielerkarriere begann. Parma war danach auch eine seiner ersten Trainer-Stationen, wo er den damals 17-jährigen Goalie Gigi Buffon traf. Die Gegend um den Bauernhof, wo er als Kind lebte, sah aus wie das ländliche Italien aus den Don-Camillo-und-Peppone-Filmen. Ancelotti spielte selber einmal in einem solchen Film mit, 1983, mit Terence Hill als Pfarrer Don Camillo. Ancelotti war damals Spieler der AS Roma. Es ist nicht seine einzige kleine Filmrolle geblieben, vor zwei Jahren trat er als Arzt in «Raumschiff Enterprise» auf.

Er hat ein Gespür für den grossen Auftritt. Bei Real Madrid sang er sich in zweieinhalb Minuten in die Herzen der Menschen, als er vor 66 000 Zuschauern das Mikrofon nahm, eine Hand lässig in die Hosentasche steckte und das Lied «Hala Madrid» vortrug. Auch in seiner Zeit bei Chelsea sang er.

17 Jahre dauerte Ancelottis Spielerkarriere, bis die Knie kaputt waren. Als 28-Jährigen holte ihn der Trainer Arrigo Sacchi zur AC Milan und machte einen «Sacchianer» aus ihm, einen Anhänger seiner revolutionären Fussballschule. Dieses Milan aus den späten achtziger und frühen neunziger Jahren mit Maldini, Gullit oder van Basten gilt bis heute als eine der besten Mannschaften der Welt, weil sie so unkonventionell war. Einmal berichtete ein Scout von Real Madrid, der ein Training beobachtet hatte, aufgeregt nach Hause: «Sie haben ein Spiel gemacht mit elf Mann über das ganze Feld – ohne Gegner und ohne Ball.» Und der wichtigste Mann auf dem Feld war Ancelotti. Die Zeit unter Sacchi beeinflusste auch sein späteres Denken als Coach, so wie zuvor die Jahre unter dem schwedischen Trainer-Avantgardisten Nils Liedholm in Rom. 1992 wurde Ancelotti Assistent in der italienischen Nationalmannschaft und endgültig zum Anhänger des Propheten Sacchi, der dort der Chefcoach war.

Und jetzt also Neapel, wo er morgens aufwacht, «und sofort hast du diese Landschaft mit dem Golf von Neapel, Capri und dem Vesuv vor Augen». So erzählte er es der «Gazzetta dello Sport». «Man muss in London oder Paris gelebt haben, um die Schönheit Neapels zu verstehen.» Dieser Stadt etwas zurückzugeben, das wünschte er sich.

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