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Der Trainer Ancelotti ist Napolis Star. Aufgewachsen ist er so, wie man es aus den Don-Camillo-und-Peppone-Filmen kennt. Wie wurde er zum Welttrainer? Eine Spurensuche
Napoli - oder wenn eine Stadt vom Fussball träumt

Die Freude, der Kleine zu sein

Als Ludovic Magnin das Medienpodest betritt, erfasst ihn ein kurzes Staunen. Er sieht in eine Menge von über 60 Journalisten, viele aus Italien angereist. «Endlich mal eine echte PK», rutscht es Magnin heraus, gewöhnlich muss er sich mit drei oder vier Gästen begnügen. Der Aufmarsch gefällt dem Jungtrainer Magnin, das wird schnell klar. Einen Übersetzer für die italienischen Journalisten braucht er nicht, noch immer pflegt er ein vorzügliches Italienisch aus seiner Zeit in Lugano und erzählt den Zuhörern, dass er sich auf die Partie freue, dass es das grösste Spiel seiner Karriere sei.

Als sich dann zwei Stunden später Carlo Ancelotti ankündigt, wird es noch wilder, ein Hauch Calcio huscht durch den Bauch des Letzigrunds. Fotografen irren umher: Kommt er?, kommt er nun? Dann kommt er. Es klickt und klackt. Ancelotti kümmert das alles wenig, kennt er, macht er jede Woche. Dann spricht er, die Menge hört andächtig zu. Drei Titel in der Champions League haben ihr Gewicht.

20-mal teurer

An den beiden Trainern offenbaren sich Unterschiede, die sich auf vielen Ebenen weiterziehen. Der FC Zürich schickt zur Medienkonferenz neben Magnin auch Mittelfeldspieler Marco Schönbächler, Marktwert: 500000 Euro. Die SSC Napoli entsendet Stürmer Lorenzo Insigne, Marktwert: 75 Millionen. Oder dann das Total der Mannschaften. Napoli: 550 Millionen Euro. FCZ: 25 Millionen.

Magnin hat Ancelotti vor ein paar Jahren in Madrid besucht, als dieser noch bei Real Trainer war. Er schaute sich die Trainings an und lernte. Er lernt immer noch und guckt sich nun im Internet an, wie Ancelotti arbeitet. Dieser Ancelotti wird dann später tatsächlich gefragt, ob er einem Jungtrainer wie Magnin Tipps geben könne. Der Italiener muss erst lachen und sagt dann, dass er zwar Magnin nicht kenne, ihm aber rate, «alles mit Leidenschaft zu machen».

Magnin ist ein sturer Mensch, der sich äusserlich nur schwer beeindrucken lässt. Im Falle von Ancelotti aber scheint es das erste Mal in all den Monaten, als lasse der FCZ-Trainer Momente der Bewunderung zu. Doch dann wird er sofort wieder realistisch und nüchtern. Nicht die Technik, nicht die Taktik werde den Unterschied gegen Napoli machen - «es ist die Mentalität», sagt er und fügt an: «Ich mag es, der Kleine zu sein.»

Magnin kennt das Gefühl. Er war als Fussballer oft der Kleine, war oft nicht der Talentierteste, doch am Ende hat er gespielt und viel mehr gewonnen, als ihm die Leute zugetraut hatten. Doch geht das auch mit dem kleinen FCZ gegen das grosse Napoli?

Kookie darf auf den Rasen

Es soll ein Fest werden für den FCZ im ausverkauften Letzigrund. Die Leute im Club freuen sich auf diesen Abend, das ist jede Sekunde spürbar. Heliane und Ancillo Canepa schauen beim Abschlusstraining aus nächster Nähe zu, Kookie, der Hund, tut es ihnen gleich.

Wenn die Dinge ihren gewöhnlichen Lauf nehmen, dann wird es für den FCZ ein zäher Abend. Für einen positiven Ausgang braucht er die Erfüllung von einer Heerschar von Wünschen. Erstens: Napoli muss schwächeln. Zweitens: Der FCZ müsste sich zu Grossem steigern und sich dann immer noch übertreffen. Drittens: Der Stadtclub braucht wohl auch etwas von diesem flüchtigen Ding, das man gemeinhin Glück nennt.

Magnin hat sich damals bei seiner Trainervorstellung als Mann der grossen Spiele angekündigt. Bis anhin wurden ihm die Worte nicht um die Ohren geschlagen. Er holte den Cuptitel, er schlug Leverkusen und weiss auch in den Derbys meist einen Weg, um GC zu bezwingen. Nun kommt wieder ein wichtiges Spiel und die Gelegenheit, diese tollkühne Aussage ein weiteres Mal zu belegen. Er muss dabei auf den verletzten Captain und Aussenverteidiger Rüegg verzichten. Ein Ausfall, der schmerzt.

Denn die Verteidiger werden beschäftigt sein.

Napoli reist geschwächt an

Ein Grosser fehlt bei der SSC Napoli, Marek Hamsik. Publikumsliebling, Mittelfeldstratege - und auf dem Absprung. Er will nach China wechseln, Carlos Ancelotti hat ihn darum nicht für die Reise nach Zürich aufgeboten. Überhaupt muss der Napoli-Trainer auf einige Spieler verzichten. Marco Rui, Raul Albiol (beides Stammspieler) sowie Simone Verdi fallen verletzt aus. Ancelotti ist trotzdem zuversichtlich. Tatsächlich hat er mit Mertens, Zielinski, Callejon gefährliche und vor allem schnelle Flügelspieler. Mit Insigne und Milik zudem treffsichere Stürmer. Alban lenkt im Mittelfeld das Spiel, und Koulibaly, ein anderer Publikumsliebling, ist ein überaus starker Innenverteidiger, der «nebenberuflich» auch gerne und unter viel Applaus sein Glück in der Offensive sucht.

Zuletzt lief es dem Verein aus dem Süden Italiens aber nur mässig. Ein Strohhälmchen für den FCZ dürfte sein, dass die SSC seit 4 Auswärtsspielen ohne Torerfolg ist. In der Serie A liegt Napoli auf dem zweiten Rang. 11 Punkte hinter Juventus, 9 vor Inter Mailand.

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