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Gründe genug für zwei schlaflose Wochen
Der FC Zürich geht im Nebel von St. Gallen unter

Ein Trinkhorn voller Geschich te(n)

Es passierte letzten Sommer. Saro Pepe war eben mit seiner Familie nach einer mehrwöchigen Costa-Rica-Reise in Zürich-Kloten gelandet, stellte gähnend das Smartphone ein - und war Sekunden später plötzlich hellwach. Im ersten Mail, das er las, teilte ihm eine gewisse Irene Bruhin mit, sie sei im Besitz einer ziemlich speziellen FCZ-Memorabilie, ob er als Leiter des Vereinsmuseums daran interessiert sei. Er rief an, und Tage später sass er im Zug nach Freiburg, wo die Bruhins wohnen. Da angekommen, wurde ihm ein Trinkhorn präsentiert, dessen silberne Plakette verriet, dass es sich der Club als Erinnerung «an unser erstes Matsch» selbst geschenkt hatte. Und dass dieses Spiel am 30. August 1896 in Zürich-Hardau gegen den FC Phönix St. Gallen stattfand und mit 3:3 geendet hatte.

Des weiteren erfuhr Pepe, das Irenes Vater Toni die Trouvaille als Mitarbeiter der Firma Kibag 1981 beim Abbruch der alten Letzigrund-Osttribüne gefunden hatte, wo sich zu jener Zeit auch Büros und Lagerräume befanden - und dass er sie dem Verein hatte übergeben wollen, dieser aber kein Interesse bekundete. Also stellten die Bruhins - die von jeher dem Eishockey zugetan sind und mit Fussball nicht viel anfangen können - das Trinkhorn als Dekoration in die Stube. Ja, und als Vater Bruhin starb, kam der Tochter die Idee, nochmals den FC Zürich zu kontaktieren - wo sie diesmal auf sehr offene Ohren stiess.

Der fatale Tribünenbrand

Auch wenn die glückliche Fügung Monate her ist, spürt man Saro Pepe die Aufregung noch immer an, was er gar nicht verhehlen mag: «Das Horn ist fortan das älteste ausgestellte Objekt der Sammlung, weshalb wir die Pokalvitrine umbauen müssen . . . und zusammen mit dem Meisterpokal ist es bestimmt auch das wertvollste, gerade auch aus dokumentarischer Sicht.»

Im Gegensatz zum FC Basel oder zu St. Gallen, die laut Pepe beide über ein praktisch vollständiges Clubarchiv verfügen, wurden die historischen Schriftstücke des FC Zürich 1929 beim Totalbrand der grossen Holztribüne im Letzigrund, in der sich das Archiv befand, zerstört. Einziges existierendes Dokument aus diesen Gründerjahren ist ein Protokoll einer Mitgliederversammlung, in dem auch die Bestände an Wertgegenständen aufgelistet sind - unter anderem ein Trinkhorn, datiert auf August 1896, womit auch die Echtheit des einzigartigen Exponats bestätigt ist.

Dass die Vereinsleitung der 80er-Jahre Bruhins Schenkung ablehnte, erstaune ihn übrigens nicht, bemerkt Pepe im Gespräch: «Die verstaubte Vergangenheit interessierte damals niemanden, das war bei den anderen Clubs nicht anders», man habe sich primär aufs Neue und die Zukunft fokussiert. «Tatsächlich begann das sporthistorische Bewusstsein beim FCZ erst in der Ära Canepa», so der gelernte Archivar, der seit Eröffnung des FCZ-Museums 2011 als dessen Leiter amtet. Und in seiner Funktion dieses Bewusstsein weiter fördert.

Auch deshalb ist das antike Trinkhorn für Saro Pepe eben mehr als «nur» ein Ur-Pokal - es diente ihm in den letzten Monaten, als er in Archiven, Sportmagazinen und Zeitungen nach weiteren Fakten zur Vereinsgeschichte forschte, oft als eine Art «Wegweiser». Speziell was offene Fragen zur Entstehung anbelangt. Bekannt ist, dass der FC Zürich 1896 von vormaligen Akteuren der Vereine Excelsior und Turicum gegründet wurde. Doch wieso waren die Spieler da überhaupt ausgetreten? Welchen Alters waren sie? Und fand der Gründungsakt wahrhaftig am 1. August statt?

Auch Hans Gamper trank daraus

Viele solche blinde Flecken hat Pepe inzwischen beseitigen können; meist durch Recherchen, einmal jedoch half auch Genosse Zufall mit: Als er im Archiv der Agentur Sportinformation SI ein Couvert mit alten Teamfotos der Grasshoppers herumliegen sah, ging er die Aufnahmen eher teilnahmslos durch . . . und hielt plötzlich einen Volltreffer in der Hand: Das hinterste Bild war falsch einsortiert worden, es zeigte nicht GC, sondern die Mannen des FC Excelsior im feinen Zwirn und mit Namen versehen; die Rarität stammte von 1895.

Das Foto ist darum grandios, weil es etliche jener Jungspunde zeigt - die meisten waren noch Gymi-Schüler -, die im Jahr darauf den FC Zürich ins Leben riefen. Wie Pepe herausfand, waren einige von ihnen im September 1895 wegen «groben Fehlverhaltens» beim FC Excelsior ausgeschlossen worden, andere gingen später im Frust, da sie kaum zum Einsatz kamen.

1926 schrieb der langjährige FCZ-Präsident Hans Enderli in seinem Rückblick auf 30 Jahre FCZ für das deutsche Fussballmagazin «Kicker», «dass eine kleine Schar eifrigster und freudiger, vor aller aber initiativer Fussballer» im Sommer 1896 im Restaurant Zum Karl dem Grossen durch Gründung des Football-Club Turicum «den Grundstein für den heutigen Fussball-Club Zürich» gelegt hätten. Wenn aber ebendieser FC Zürich am 30. August desselben Sommers seinen ersten Match austrug - siehe Horninschrift -, mussten die Turicumer die Namensänderung bereits kurz nach der Gründung beschlossen haben. Ein Beweis, dass dies wahrhaftig am 1. August geschah, existiert aber nicht. Pepe vermutet, das bedeutsame Datum sei erst nachträglich festgeschrieben worden, «weil es halt gut aussieht».

Zweifelsfrei belegt ist, dass sich auch Hans Gamper, zur Zeit des Fotos noch Captain des FC Excelsior, von Beginn an dem FC Zürich anschloss und dessen erster Captain wurde. «Das bedeutet, dass der Mann, der den FC Barcelona gründete, aus diesem Horn getrunken hat. Das macht dieses Unikat nochmals grossartiger», meint Pepe lachend.

Weniger grossartig war indes der Rahmen, in dem das geschichtsträchtige Spiel stattfand. Zwar war per Inserat ein Wohltätigkeitsanlass mit «römischem Opferfest, grossen Sportlichkeiten, verbunden mit grossem Nachtfest» angekündigt worden. Zum Event, der auf dem Areal der Velorennbahn Hardau beim Albisriederplatz durchgeführt wurde - etwa da, wo heute das umstrittene «Y»-Kunstobjekt steht -, schrieb die «Zürcher Post» am 1. September 1896: «Über dem Fest in der Hardau waltete ein böser Stern.» Und: «Es gebrach ihm an schöpferischem Impuls, um etwas Neues und Originelles zu schaffen.» Und schliesslich: «Diesem Mangel sowohl, wie auch den allzu hohen Preisen und dem frostigen Wetter ist der schlechte Besuch hauptsächlich zuzuschreiben.» In der NZZ wurde dann auch noch das Sportive thematisiert: «Hatten die Zürcher anfänglich mit einiger Reserve gespielt, ob aus Höflichkeit oder dass der frische Morgen den richtigen Eifer noch nicht geweckt, so verbesserten sie doch bald ihre Stellung.»

Ein Rätsel ist noch ungelöst

Für Saro Pepe fast noch sensationeller waren aber zwei andere Funde. Der eine betrifft das ursprüngliche Vereinswappen, von dessen Aussehen man keine Ahnung hatte - bis er nun in einem Nachbericht zum Match entdeckte, dass es als «grosser, in den Zürcher Farben prangender Fussball» charakterisiert wird. Und in einer Annonce zum ersten FCZ-Spiel las er: «Farben: St. Gallen: Blau-Gelb. Zürich: Weiss-Blau». Bisher seien als Gründungsfarben Rot und Weiss angenommen worden, um sich vom Weiss-Blau von GC abzugrenzen, doch offenbar geschah dies erst später.

Alles klar - bis auf die Frage, von welchem Tier das von den Bruhins dem FCZ geschenkte, rund 50 Zentimeter lange Horn stammt. Dies hat der gewiefte Spürhund noch nicht herausgefunden.

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