Die seltsame Tradition des FC Zürich: Goaliefehler auf der grossen Bühne
Der Vulkan Magnin bereitet sich auf die Explosion vor

Eine Nummer zu klein

Es ist ein Spiel für die grossen Sehnsüchte und für 24000 Zuschauer, die den Letzigrund wieder einmal füllen. Ein Spiel der Hoffnung auf einen Coup oder zumindest ein achtbares Ergebnis, «es darf einfach nicht schnell 0:3 stehen», sagt Raimondo Ponte. Er gehört an diesen Match, als gebürtiger Neapolitaner und früherer Trainer des FCZ.

Nach 12 Minuten fällt das 0:1, nach 21 das 0:2. Pontes Befürchtungen sind wahr geworden. Die erste Begegnung des FCZ mit der SSC Napoli in den Sechzehntelfinals der Europa League ist entschieden, kaum hat sie richtig begonnen. Am Ende steht es 1:3. Das Rückspiel nächsten Donnerstag kündet sich als Pflichterfüllung für den Favoriten an.

Carlo Ancelotti gönnt sich an der Seitenlinie eine kurze Reaktion der Freude. Seine Mannschaft bietet ihm keinen Anlass, unruhig zu werden. Zu sehr hat sie alles unter Kontrolle, zu leichtfüssig kann sie durchs Mittelfeld schweben. 70 Prozent beträgt ihr Ballbesitz in der ersten Halbzeit, das sagt alles über die Stärkeverhältnisse.

Die Botschaft von Ancelotti

Drei schnelle Pässe genügen, um Malcuit auf der rechten Seite freizuspielen, Charabadse steht verloren herum, in der Mitte reagiert Maxsö gar nicht. Schliesslich ist es José Callejon, der aus kürzester Distanz zum zweiten Mal für die SSC trifft. Den Trainer freut auch das. Die Spieler haben die Pflicht erfüllt, schnell und problemlos. Sie haben gezeigt, dass sie die Botschaft verstanden haben, die ihr Trainer mit der Aufstellung ausgesendet hat: Er hat seine bestmögliche Auswahl auf den Platz geschickt.

Napoli sorgt für die beste Kulisse im Letzigrund seit siebeneinhalb Jahren. Damals, im August 2011, waren 23600 gekommen, um im Playoff zur Champions League Bayern München zu sehen. Der Favorit gab sich mit einem 1:0 zufrieden.

So wie an jenem Sommerabend ist es aber auch jetzt: Dem Spiel fehlen die grossen Momente und Gefühle, um es unvergesslich zu machen, es wird nicht magisch, wie sich die Zürcher Fans das wünschen. Es wird vielmehr zur Bestätigung, wie gross der Unterschied zwischen einer mittelmässigen Schweizer Mannschaft und der Nummer 2 der Serie A ist. Glaubt man transfermarkt.de, hat das Kader des FCZ einen Wert von 25 Millionen Euro, jenes Napolis 551 Millionen.

Napoli kann es sich mit fortschreitender Spielzeit leisten, einen Gang, ja zwei Gänge zurückzuschalten und vermehrt auf Konter zu setzen. Es will Kräfte sparen und kommt trotzdem immer wieder zu Chancen. Callejon vergibt gleich zweimal, dann auch Milik, oder Koulibaly, der hünenhafte Innenverteidiger mit viel Offensivdrang, scheitert mit seinem wuchtigen Kopfball an Brecher. Der FCZ-Goalie kann für sich reklamieren, sich vom frühen Lapsus erholt und eine höhere Niederlage mit diversen Paraden verhindert zu haben.

0:3 heisst es auch so. Piotr Zielinski schliesst einen Konter mit der Ruhe und Übersicht des Klassestürmers ab, Nef und Untersee rutschen dabei hilflos ins Leere, Brecher ist chancenlos gegen den harten Schuss. Das ist in der 77. Minute die späte Zugabe Napolis.

Erst danach kommt der FCZ zu seiner ersten Chance, Marchesano vergibt sie aus wenigen Metern fahrlässig. Der Schiedsrichter meint es danach gut mit den Zürchern und gibt einen Handselfmeter, der alles andere als zwingend ist. Benjamin Kololli braucht das nicht zu kümmern, er nutzt den Moment zu seinem speziellen Auftritt: A la Panenka lupft er den Ball mitten ins Tor.

Wie Statisten

Für die Zürcher mag das ein versöhnlicher Abschluss sein, ein Trostpflaster, wenigstens nicht torlos geblieben zu sein. Und sie mögen gar damit hadern, dass sie in der 92. Minute nur an die Lattenunterkante treffen, als Kryeziu aus 16 Metern abzieht.

Aber das alles ändert eben doch nichts daran, dass sie erst gespielt haben, als alles schon verloren ist. Das ist das Enttäuschende an diesem Abend, dass sie gerade in der ersten Halbzeit nur nebenherlaufen und sich fast wehrlos in die Rolle der Statisten ergeben. Sie sind geschlagen, kaum macht der Gegner ernst. Fürs Rückspiel muss das ihre Lehre sein: Dann dürfen sie nicht nur von Mentalität reden, sondern müssen sie auch zeigen.

Ein Fest für Heimweh-Neapolitaner

Laut ist es. Laut, wie lange nicht mehr im Letzigrund. Wer seiner Liebe in die Kälte folgt, kann kein kaltes Herz haben. Es wäre noch Valentinstag, jaja, doch Heuchlerbesen und Küsse sind fern, es geht um Fussball, und 24000 Menschen mit viel Wärme in der Brust machen Lärm.

Es gab ja die Angst im Zürcher Umfeld, dass die Gäste aus Neapel die Zürcher Gastgeber übertönen. Die Bangnis war unbegründet. Der FCZ schlägt die SSC, wenigstens da. Die Südkurve ersucht den FCZ mit ihrer Choreografie um eine magische Nacht, umrandet von allerlei Feuerwerk hinter dem Stadion.

Und so startet das Sechzehntelfinal mit der Hoffnung auf Zürcher Seite, dass es gut kommen möge.

Die Angriffe aus Neapel kommen in Wellen, von Anfang an, sie werden mit Pfiffen und Gesang davongejagt - erst. Dieser Zürcher Trotz dauert bloss 12 Minuten. Dann verstummt der Zürcher Anhang ein erstes Mal. Brecher, der mitleidenswerte Brecher, vertändelt den Ball und kassiert den ersten Treffer. Die Zürcher singen sich zu neuem Mut. Und kassieren nach 20 Minuten den nächsten Schlag, Tor, mitten ins Herz. Der Letzigrund wird früh zum Friedhof tollkühner Träume, viel zu früh. Selbst dem dauervitalen Trainer Ludovic Magnin scheint die Luft entwichen. Er steht am Seitenrand, die Hände in den Jackentaschen, was will man da machen. Nur die Fans singen einfach weiter - und werden belohnt. Vor ihren Augen, vor der Südkurve kommt es zum Penalty, zum 1:3.

Von überall kommen sie

Es hätte ein Fest sein sollen. Die Tramlinien kollabieren wegen der Massen, an den Eingängen stauen sich Menschen, seit langem sind wieder einmal alle Stadionkantinen offen, diese Nischen, die Esswaren verkaufen.

Und ja, der Abend trägt die Züge eines Fests. Für die Zürcher, die sich wieder einmal auf der ganz grossen Bühne zeigen können. Für die Neapel-Diaspora, die Heimweh-Neapolitaner, die eine Distanzbeziehung zur SSC führen und aus ganz Europa anreisen. Der Fanclub Napoli Zurigo hat den kürzesten Anreiseweg und sich gemäss NZZ 238 Tickets gesichert. Der Fanclub aus Tuttlingen nahe Stuttgart ist mit seinen 16 Mitgliedern zwei Stunden Minibus gefahren und darf jetzt dem neapolitanischen Lokalsender erzählen, wie sie Maradona in Erinnerung haben. Aus London sind sie angereist, aus Amsterdam. Sie werden alle heimkehren mit dem Gefühl eines geglückten Ausflugs.

Die Zürcher aber erleiden einen Kater, ohne je einen Rausch gehabt zu haben.

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