Die 109 verstörenden Tage des FC Zürich
Verlierer unter sich – Remis zwischen dem FCZ und St. Gallen

Führungsfigur gesucht

Am Ende kommt die ganze FCZ-Familie vor der Südkurve zusammen. Spieler und Fans singen und jubeln - sie sind ergriffen, Tränen fliessen. Nicht weil der FCZ gewann oder bezaubernd spielte, nein, Alain Nef, die Clublegende, beendet seine Karriere. Nefs Name ist über die Jahre derart gewachsen, dass er gar frustrierte Fans nach einer missratenen Saison versöhnen kann.

Nef übergibt sein Leibchen den Fans, die Nummer 13 hängt darauf am Zaun wie eine Reliquie, dann steigt er hoch ins Dasein als Zuschauer - zu den Fans in die Südkurve. Nef nimmt das Mikrofon und singt - und Tausende mit ihm. Später erzählt Nef, auf was er sich am meisten freue als Fussballrentner: «Im Stadion Wurst essen und Bier trinken.» Der Satz zeugt von Nefs Gabe als Mann des Volkes und deutet darauf hin, wie gross die Lücke wird, die er hinterlässt. Nef gehört zu den Letzten seiner Art.

Es gibt einen anderen Satz, der steht weniger für Nef und mehr für den FCZ und seine Saison: Der gefährlichste Ort der Welt ist der, wo du dich sicher fühlst. Das hat nicht Nef gesagt - es ist eine Weisheit aus dem mexikanischen Drogenkrieg. Wenn man Ludovic Magnin bei der Saisonanalyse zuhört, dann wächst der Eindruck, dass sich auch der FC Zürich oft zu sicher fühlt. Jedes Mal, wann der FCZ ohne Druck und Angst hätte spielen können, sagt Magnin, dann habe er versagt. System error. Totalausfall. Wie vergangene Woche gegen Luzern, als man einen entscheidenden Schritt Richtung Europa League hätte machen können. Wie gegen Napoli in der Europa League. Wie vor Jahresende, als plötzlich Platz 2 so nah war. Der FCZ wirkte träge, blockiert, lustlos. So schafft er es tatsächlich, in dieser schwachen Liga Siebter und nicht Dritter zu werden. Das Saisonziel übrigens. Nicht erfüllt.

In der Hinrunde lieferte der FCZ einige Mal Anzeichen dafür, dass er spielerisch Fortschritte gemacht hat, dass er den Ball gepflegt nach vorne tragen kann, dass der Name Magnin für Verheissung steht. Nun, ein halbes Jahr später, ist vieles anders. Die Mannschaft erlitt einen Zusammenbruch, so sagt es Alain Nef. Eine Negativspirale nennt es Magnin. Oder eben: System error. Der FCZ offenbarte einen Fussball, der erstens nicht erfolgreich und unattraktiv war; der zweitens Inspiration und Wille vermissen liess und bei dem man sich drittens fragen musste: Spielkultur, wo bist du? Magnin verpasste es, sich und der Welt zu zeigen, dass er eine Mannschaft weiterbringt und ganz generell, dass er ein guter Trainer ist.

So werden den Jungtrainer bereits beim Saisonstart Zweifel begleiten. Kann er das? Ist er der Richtige? Ist er gar ein Risiko? Unnötiger Druck für einen Club, der sich in den letzten beiden Jahren in der spielerischen Findungsphase verirrt hat. Und er wird sich noch einmal finden müssen - ein Umbruch kündigt sich an.

Co-Trainer René Van Eck verlässt den Verein aus familiären Gründen nach Holland. Der andere Co-Trainer Zoltan Kadar ist bereits im April zu GC gewechselt. Alain Nef geht, Pa Modou auch, Grégory Sertic wohl ebenso wie Joel Untersee. Die drei ersten Namen nennt Magnin Führungsspieler, wichtige Akteure in einem jungen Team, dem die alten und erfahrenen Fussballer abgehen. Weil Spieler wie Hekuran Kryeziu, Benjamin Kololli oder auch Captain Kevin Rüegg bedeutend weniger Verantwortung übernommen haben als geplant und gewollt, steht Magnin plötzlich vor einer hierarchielosen Gruppe, der weitere Abgänge drohen. Rüeggs Zukunft ist ungewiss, für Kololli gibt es Angebote aus England - dem Vernehmen nach darf der torgefährliche, aber wenig mannschaftsdien liche Spieler bei einem entsprechenden Angebot gehen.

Dem FCZ fehlen Typen, und ihm fehlt eine Achse. Mit Becir Omeragic, Simon Sohm und Izer Aliu hat er verheissungsvolle Talente, doch diese brauchen erfahrene Leute neben sich, um zu wachsen. Tranquillo Barnetta hat jüngst gesagt, wie wichtig für junge Spieler ältere Stützen seien. Will der FCZ sich stabilisieren und besser werden, muss er investieren. Innenverteidigung, zentrales Mittelfeld, Sturm - für jede Schlüsselposition braucht es eine Verstärkung. Es kommt nun aus Groningen Offensivspieler Mimoun Mahi. Ein Marokkaner und ein Versprechen, heisst es, doch das waren in den vergangenen Jahren viele andere Spieler auch.

Die positiven Dinge musste man in dieser Saison suchen: Es gab die gelungene Reise durch die Europa League und den bedingungslosen wie positiven Support der Südkurve. Und da ist vielleicht noch das Tor im letzten Spiel gegen St. Gallen: Goalie Brecher eröffnet das Spiel, der Ball zirkuliert durch die Zürcher Reihen, meist nur mit einer Ballberührung, dann Flanke, Direktabnahme und Tor. Wunderschön und wunderbar. Doch es bleiben Zweifel: War das nun Plan oder Zufall?

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