DE FR EN
Die Freude, der Kleine zu sein
Der neue wilde Kerl

Napoli - oder wenn eine Stadt vom Fussball träumt

Mamma Mia! Irgendwann hält es selbst der Sicherheitsangestellte nicht mehr aus. Wieder daneben, wieder kein Tor. «Mamma Mia!», fleht er in die Nacht hinaus. Tausend andere tun es ihm im Stadion gleich. Napoli spielt, Napoli ist anders. Hier raucht der Sicherheitsangestellte noch im Stadion. Hier ballt der objektive Lokaljournalist bei einem Tor die Faust. Hier sind die Montage schöner, wenn die SSC am Wochenende gewinnt. Sagt man. Ist so. Es wird ein solcher Montag werden, die Tore kommen doch noch, Napoli gewinnt gegen Sampdoria 3:0, das Leben ist schön. Es ist das letzte Heimspiel der Società Sportiva Calcio vor dem Europa-League-Duell gegen den FC Zürich. Zwei Clubs, die beide ein ähnliches Gefühl in sich tragen. Die Sehnsucht nach besseren Zeiten.

Es gibt Menschen, die reisen nach Napoli und suchen, was vom grossen Maradona übrig geblieben ist. Andere wiederum hoffen, die mysteriöse Elena Ferrante zu finden, diese wunderbare Schriftstellerin, die der Stadt ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Dann gibt es viele, ja fast alle, die frönen dem Essen. Wenige aber kommen hierhin auf den Spuren des FCZ.

Dabei haben Gökhan Inler, Blerim Dzemaili und David Sesa hier gespielt, sie alle haben eine Zürcher Vergangenheit. An alle drei erinnern sich die Menschen in Napoli. Nun ja, ist nicht allzu schwierig in einer Stadt, die von den Erinnerungen lebt (Maradona!). Inler, Dzemaili, Sesa. Genau in dieser Reihenfolge verteilen sich die Sympathien. Sesa, das war der teure und offenbar schlechteste Transfer aller Zeiten - der Neapolitaner übertreibt gerne. Dzemaili war der schöne Mann im Zentrum. Und eben Inler. Der Schweizer, der Schweiger. Er wurde geliebt für seine Art, Fussball zu spielen. Hart und unerbittlich. Als würde er so zu den Leuten sprechen. Das kam an.

Zum Beispiel im Al Fenestella, Inlers Lieblingsrestaurant im Stadtteil Posilippo. Quartier der guten Meersicht und reichen Menschen. Das Restaurant vereint allen schlechten Geschmack in sich. Stuhl, Serviette, Tisch, Tischtuch. Alles weiss, voller Kitsch. Gökhan (in Napoli: Gokan) Inler hat hier den ersten Vertrag unterschrieben und kam seither immer wieder. Selbst jetzt, wenn er in der Türkei spielt, macht er in Napoli Ferien und besucht das Lokal, das letzte Mal diesen Winter. «Gokan ist ein toller Mensch», sagt Chef Vittorio Anastasio, er kramt sein Handy hervor und zeigt Inlers Telefonnummer, als hüte er einen kleinen Schatz. «Für ihn hatten wir immer Platz», sagt er. Selbst wenn das Lokal voll war, fand sich noch ein Plätzchen, und gab es wirklich keines mehr, dann war da noch dieser eine Raum mit dem einen Tisch.

Applaus im Restaurant

Im Al Fenestella essen die Reichen und Frischverliebten, die sich ihre Zuneigung noch mit teuren Austern beweisen. Manchmal aber verliert die frische gegen eine alte Liebe. Köpfe recken sich dann um die weissen Säulen und schauen auf den grossen Bildschirm im Saal. Die SSC spielt. Die Liebe erbebt, am stärksten bei Toren. Jubel, Applaus und Cin Cin, so erzählt das Vittorio Anastasio.

Wenn die Menschen in Napoli über die SSC Napoli sprechen, dann wandert über kurz oder lang die Hand zum Herzen, auch bei Anastasio. Aus Liebe, aus Furor, aus Schmerz. Es scheint, als sei der Club auf Gedeih und Verderb mit diesem starken Muskel verbunden. Und es gibt nicht wenige, die sagen, dass Inler noch immer in ihren Herzen schwebe, oder Cavani oder Lavezzi. «Napoli ist wie eine grosse Familie», sagt Anastasio.

Die Familie findet zusammen, wenn der Clubdoktor seinen 60. Geburtstag feiert und Verwandte und Freunde einlädt, aber auch Spieler, Funktionäre und Journalisten. Die Familie zeigt sich auch darin, dass der langjährige Sicherheitsangestellte des Clubs nicht mehr böse auf die Mannschaft sein kann. Früher habe er den Spielern nach Niederlagen böse Dinge gewünscht, erzählt er, heute sehe er, wie sie leiden, wie sie manchmal Tränen vergiessen oder einfach dasitzen wie ein Häufchen, elend und traurig. Und diese Familie offenbart sich, wenn jeder in der Stadt einen Bruder oder Freund hat, der einen Spieler kennt und dadurch immensen Stolz erfährt. Wie die Frau, deren Tochter mit Publikumsliebling Kalidou Koulibaly in derselben Etage lebt. In der fünften. Ein feiner Mensch übrigens, hält die Türen auf.

Stolze Familien haben stolze Prinzipien. Wenn ein Spieler zwar nicht über die Gleise, doch in den Norden nach Turin wechselt, dann ist nicht gut in Napoli. Gonzalo Higuan hat es getan, sie nennen ihn darum Sohn einer ... Was-auch-immer. Es gibt Wandmalereien, die sehr pointiert andeuten, dass er nicht mehr zur Familie gehört. Und damit auch nicht mehr zu dieser Stadt, die seit Jahren immer auch ein bisschen mit sich selbst kämpft.

An schlechten Tagen erbricht sie ihren Müll auf ihre Strassenränder. In ganz miesen Stunden stirbt jemand, weil er es mit jemand anderem nicht so gut hatte. Das sind Klischees, klar, doch ab und an stimmen sie auch. Wie kann sich Mario De Simone darüber aufregen. «Alle in der Welt haben das Gefühl, dass die Neapolitaner faul und kriminell sind, nur an Fussball denken und überall ihren Müll hinterlassen», sagt der 30-jährige Lehrer, Hauptfach Italienisch - und natürlich: Napoli-Fan.

Das Problem mit der Lega

De Simone schwärmt von Napoli. Wunderbare Kunst hats hier, drei Bilder von Caravaggio, viel Street-Art, dazu die besten Rapper Italiens. Und beginnt zu seufzen. Die Lega. Hat jahrzehntelang die Neapolitaner abgekanzelt als faul und kriminell, und doch gewinnen sie nun auch hier mit ihrem Chef Matteo Salvini Stimmen. Ausländerfeindlichkeit, das zieht in dieser Stadt. Da tut sich selbst der ehemalige Staatsanwalt und heute linke Bürgermeister Luigi De Magistris schwer. Doch gehe es um den Fussball, sagt De Simone, dann werde die Stadt wieder eins. Dann fliessen links und rechts ineinander, schwarz und weiss werden aufgehoben.

Wer in Napoli den Fussball in der Brust trägt, wird irgendeinmal an der Via Gambattista Marino stehen und auf viel Stein blicken. Das San Paolo. Ein Stadion mit Leichtathletikbahn und viel Wind - es tschuderet einen, der Letzigrund ist nah. Napolis Präsident Aurelio De Laurentiis hat es einmal «un cesso» genannt, eine Toilette. Das San Paolo ist eine Kloschüssel aus Beton, vom Alter zerfressen, Verputz soll die Risse und den Zerfall kaschieren. Klappt nicht. Der Gästesektor ist komplett mit engmaschigem Zaun überspannt. Napoli-Fans pflegen mit besonders viel Hingabe Feuerwerk auf die Besucher aus fremden Städten zu schiessen. Am liebsten auf jene aus Turin, von der Juve, dem Feind.

An diesem Samstagabend sind wenige Leute gekommen, der untere Rang ist praktisch leer, es ist nur die Sampdoria aus Genua zu Gast. Wenn aber die Turiner anreisen, dann füllt sich das Rund von alleine. Als David Sesa noch hier spielte, drückten sich 80000 Menschen in die Kloschüssel, Sesa verstand auf dem Platz seinen drei Meter entfernten Kollegen nicht mehr. Heute beschränkt sich die Kapazität aus Gründen der Statik und Sicherheit auf 62000. Laut ist es trotzdem. Blerim Dzemaili sagte einmal, jede Mannschaft habe Angst, im San Paolo zu spielen.

Napoli hat in den vergangenen Monaten seinen Fussball verändert. Wegen des Mister, wegen Carletto. Die Rede ist von Trainer Carlo Ancelotti, einem Mann mit dem Sinn für das Schöne und grossem Appetit (in Napoli damit vorzüglich aufgehoben). Ancelotti hat dem Spiel der SSC die Vertikalität geschenkt. Weniger Ball karessieren im Mittelfeld, mehr schnelle Pässe nach vorne. Das ist auch gegen Sampdoria zu sehen. Ein Pass - und sechs Gegner sind aus dem Spiel genommen.

Napoli und die Südkurve

Auf den Rängen singen zwei Kurven. Das Besondere daran: Sie stehen einander gegenüber. Hinter dem einen Tor die Curva A: die Jungen und Wilden. Hinter dem anderen die Curva B: die Älteren und Ruhigeren. Ein bisschen von dieser Fankultur ist vor langer Zeit auch auf den FCZ übergeschwappt. Es gab eine Zeit, als besonders viele Neapolitaner ihre Stadt verliessen, weil sie anderswo auf ein besseres Leben hofften. Väter und Mütter wanderten aus, auch nach Zürich, ihre Kinder fanden Unterschlupf in der Südkurve und prägten zusammen mit anderen Secondos eine Subkultur, die bis heute nachwirkt.

Ausgewandert ist auch Raimondo Ponte, der ehemalige FCZ-Trainer. Acht Jahre alt war er, als er Napoli verliess. Sein Schulfreund Antonio Cerbone wohnt noch immer in Napoli und erinnert sich. Ein Scugnizzo sei der Raimondo gewesen, ein Strassenjunge, ein Schlitzohr, dem der Fussball alles bedeutet habe und der immer gewinnen wollte.

Pontes Vater war Schuhmacher und litt an der Zahlungsmoral der eigenen Kunden. Also zog er in die Schweiz und liess den jungen Raimondo zurück. Eines Tages kam der Nonno, der Grossvater, in die Schule, lupfte seinen Hut zum Gruss und sagte der Klasse, der Raimondo müsse mitkommen, er ziehe in die Schweiz. «Die ganze Klasse weinte», sagt Cerbone. Der 63-Jährige ist ein Meister des sotto voce, der leisen Stimme, selbst im lauten Café spricht er mit sanfter Stimme, als wisse er, dass man nicht lauter, sondern leiser sprechen solle, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Eine Zeit lang gab es sogar einen Ponte-Fanclub im Stadtteil Licignano, rund 40 Menschen, alle pro Ponte. Und darum während acht Jahren auch pro FCZ.

FCZ macht keine Angst

Das ist nun anders. Klar, in Napoli haben sie Respekt vor dem FCZ, sie beobachten ihn. Als kürzlich Roberto Rodriguez in die 3. Liga nach Uerdingen wechselte, lief die Meldung im Fernsehen, und sie stand in der Zeitung. Man nehme den FCZ ernst, sagt Mario De Simone, ein Spiel müsse ja immer erst auch gewonnen werden. Es klingt herzlich, fast schon entschuldigend, vielleicht nicht ganz ehrlich.

Am aufrechtesten ist daher die Reaktion von Antonio Cerbone. Hat der FCZ eine Chance? Die Mundwinkel gehen nach oben, ein grosses Lachen zieht sich über sein Gesicht, viele Zähne zeigen sich, dann sagt er: «Non penso.» Er denke es nicht, und so denkt insgeheim eine ganze Stadt. Napoli kennt andere Grenzen, schon eher den Himmel (oder vielleicht die Juve), doch sicher nicht diesen Club aus der Schweiz.

News

Die 109 verstörenden Tage des FC Zürich

Die 109 verstörenden Tage des FC Zürich

Will der FCZ wieder ein Spitzenteam sein, muss er in mehr Qualität von aussen investieren. Oder dann sollte er sich eingestehen, sich die alten Ambitionen nicht leisten zu können oder zu wollen.

Führungsfigur gesucht

Führungsfigur gesucht

Der Stadtclub verpasst Europa League und Saisonziel. Auf die neue Saison hin kündigt sich ein Umbruch an, daher besonders unter Druck: Trainer Ludovic Magnin.

Verlierer unter sich – Remis zwischen dem FCZ und St. Gallen

Verlierer unter sich – Remis zwischen dem FCZ und St. Gallen

Im Abschiedsspiel von Alain Nef und Tranquillo Barnetta folgt ein Remis, das keinem der beiden Teams hilft. Lugano profitiert und qualifiziert sich direkt für die Europa League.

Alle News
Anzeige