Befreit ins Rennen um den Europacup
Der Abstiegsangst getrotzt

Sein Doppelpack kaschiert vieles

Für einen 20-Jährigen hält sich Kevin Rüegg in den sozialen Medien ziemlich zurück. Inhalte teilt er sparsam. Und wenn er doch mal etwas preisgibt, dann handelt es sich meist um einen kostbaren Moment. Wie etwa das jüngste Bild, das er am Wochenende auf Instagram postete. Es zeigt, wie Rüegg von FCZ-Kollegen geherzt wird. Dazu schreibt er: «Wichtige Punkte.» Und: «Erster Doppelpack in der Super League.»

2:1 gewinnt der FC Zürich auswärts gegen Xamax. Dank Rüegg. Ihm, dem in seinen 54 Super-League-Partien zuvor kein einziges Tor gelang. Es ist eine schöne Geschichte, die bei den Zürchern vieles kaschiert. Sie bieten einmal mehr Fussball von überschaubarer Qualität. Hinten anfällig, vorne unauffällig. Und hätte er nicht die beiden Tore in der Schlussphase erzielt, wären sie durchaus angebracht gewesen: die Beanstandungen am Spiel des Captains. Schliesslich prägt Rüegg das FCZ-Spiel längst nicht mehr so, wie er das noch im vergangenen Herbst tat.

Manchmal geht er unter

Ihm fehlt zuweilen das Auflehnende, das Mitreissende in seiner Körpersprache. Manchmal geht er trotz seines robusten Körpers unter, weil er oft nicht da ist, wo auf dem Platz die emotionalen Duelle ausgefochten werden. Das mag daran liegen, dass er oft als rechter Verteidiger eingesetzt wird. Aber auch daran, dass er die Reibereien nicht aktiv sucht. Dass ein 20-jähriger Fussballer mal schwankt, ist nicht aussergewöhnlich. Nur fällt das eben umso mehr auf, wenn er die Binde am Oberarm trägt. Rüegg bringt das nicht aus der Ruhe. Er sagt: «Mit meinem Einsatz will ich die Mannschaft mitziehen. Das versuche ich in jedem Spiel.» In seinen Aussagen schwingt auch immer der Vorsatz mit, sich treu zu bleiben. Sich auf seine eigenen Stärken zu besinnen. Sich nicht zu verstellen. Oder eben: Rüegg zu bleiben.

Er schätzt es, dass ihn arrivierte Mitspieler wie Alain Nef und Yanick Brecher in seiner Führungsrolle unterstützen. «Ich profitiere sehr von ihnen.» Rüegg ist keiner, der gern ausschweifend über sich redet. Er zieht es vor, den Fokus der Gespräche auf das Kollektiv zu legen. Aber das ist an Abenden wie jenem in Neuenburg unmöglich. Nach dem Spiel lächelt er schelmisch und sagt, dass er eigentlich nie Tore erziele. «Umso glücklicher bin ich, dass ich diese zwei wichtigen Treffer beisteuern konnte.»

Trotz wundersamer Wende in der Maladière bleibt Rüegg nüchtern. Wie bisher immer in seiner Karriere. Rüegg, das ist das Zürcher Eigengewächs, das im Februar 2017 in der Challenge League debütierte. Ein paar Monate später kehrte der FCZ in die Super League zurück und stattete sein Talent mit dem ersten Profivertrag aus. 2018 gewann Rüegg mit seinem Team den Cup, im Herbst folgten erste starke Auftritte in der Europa League. Und seit dem Beginn der Rückrunde ist der junge Mann offiziell Captain. Mit 20 Jahren der jüngste der Liga.

Trainer Ludovic Magnin wählte Rüegg, den er schon aus gemeinsamen Zeiten in der U-18 des FCZ kannte. Vorbild solle er sein. In Sachen Arbeitsethos. In Sachen Leidenschaft. Eine Identifikationsfigur. Rüegg erbte die Binde vom Isländer Victor Pálsson, dessen Wert sie beim FCZ vielleicht erst heute wirklich erkennen. Mit dem Mittelfeldspieler, der sich nach Darmstadt aufmachte, verlor der Club einen der letzten Anführer im Kader.

Plötzlich musste der ruhige Rüegg diesen präsenten Pálsson ersetzen. Er, der selbst von sich sagt, kein Lautsprecher zu sein. Es hätte durchaus angenehmere Ausgangslagen geben können, um beim FC Zürich Spielführer zu werden. Heute sagt Rüegg: «Der Start war nicht einfach.»

Jeder hat etwas zu sagen

Das Talent verpasste verletzungsbedingt den Beginn der Rückrunde, musste erleben, wie sein Team inklusive Europa League gleich vier Niederlagen zu verdauen hatte und nur einmal - gegen ein schwaches GC - gewann. Der FCZ machte kaum Fortschritte. Auch nicht, als Rüegg zurückkehrte.

Nach seiner Genesung habe er wieder gut ins Team reingefunden, sagt Rüegg. «Wir haben ein so gutes Team. Jeder hat etwas zu sagen. Die Captainbinde macht da keinen grossen Unterschied.» Rüeggs Worte implizieren, dass es nicht an starken Persönlichkeiten mangelt. Demgegenüber stehen jedoch die wiederholt seltsamen Auftritte in der Rückrunde. Die Zürcher blieben fragil. Deswegen liegen sie trotz des Sieges in Neuenburg nur vier Punkte vor dem Barrageplatz.

Für Rüegg sind es bewegende erste Monate als FCZ-Captain. Assistenztrainer René van Eck sagt: «Es ist sicher nicht schlecht für ihn, dass nicht immer alles optimal verlaufen ist. Dadurch wird er nur noch besser und grösser.» Nach dem Doppelpack in Neuenburg will Rüegg auch heute gegen den FC Thun wieder Vorbild sein. Es müsste aber wohl einiges passieren, damit er schon wieder auf den sozialen Medien aktiv wird.

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