Zürcher Frust nach dem 2:2 gegen Xamax
Angekommen in der neuen Welt

Wie aus dem Fotokopierer

Sei es im Gespräch mit seinen Spielern, Journalisten oder mit den Unparteiischen: Ludovic Magnin ist um Worte und Gesten nie verlegen. Doch in diesem Moment kann er sich nur ab drehen und vom Rand seiner Coachingzone zurückgehen und sich unters Dach der Trainerbank stellen. Und den Kopf schütteln.

Ein letzter Anlauf für Xamax war es gewesen, ein letzter Ball hoch in den Strafraum, in der vagen Hoffnung, einem der gross gewachsenen Adressaten möge ein «lucky punch» gelingen. Es läuft die 94. Minute, Zürich versucht, das 2:1 über die Zeit zu retten - kurz zuvor hat Lewan Charabadse aus 25 Metern die Latte getroffen. Haben Zentimeter gefehlt, um den Sieg zu sichern.

Die FCZ-Abwehr kann nicht klären, irgendwie kommt der Ball zu Gaëtan Karlen, und der eingewechselte Stürmer trifft per Fallrückzieher. Wenn er diese Aktion im Training hundertmal versucht, dürfte die Erfolgsquote bei einem Prozent liegen. «Ein unfassbares Tor», sagt Ludovic Magnin später. Im Ärger schwingt Bewunderung mit.

«Unfassbar», es ist auch ein Begriff, der die Partie aus FCZ-Optik adäquat zusammenfasst. Vor allem die Schlussphase, sie ähnelt derart stark derjenigen vom letzten Samstag in Sitten, dass sie dem Fotokopierer entsprungen sein könnte. 1:1 steht es nach 70 Minuten, und dem FCZ wird nach VAR-Studium ein Handspenalty zugesprochen. Mimoun Mahi übernimmt die Verantwortung, drischt den Ball aber an die Latte. Im Wallis hatte Benjamin Kololli den Aussenpfosten getroffen, er steht diesmal verletzt nicht im Aufgebot.

Die Vorteile, sie bleiben aber beim FCZ, er spielt in Überzahl. Pietro Di Nardo hat in der Mittelzone Toni Domgjoni unnötig gefällt, es ist schon sein zweiter Platzverweis diese Saison.

Es fehlt einer wie Nef

In Sitten war Zürich mit einem Mann mehr kollabiert und hatte das 1:2 und das 1:3 kassiert. Nun ist eine Steigerung da, und der eingewechselte Assan Ceesay trifft eine Viertelstunde vor Schluss mit einer Direktabnahme zum 2:1 unter die Latte. Dem Schuss ist der Frust über die persönliche Situation und den generell missglückten Saisonstart anzumerken. Es läuft die 77. Minute, und eigentlich müsste die Partie entschieden sein.

Vor dem Spiel wurde Alain Nef geehrt, die zurückgetretene Clublegende wurde nachträglich als «Spieler der Saison 2018/19» ausgezeichnet. Manch ein FCZ-Supporter würde sich derzeit wünschen, der Vertrag mit ihm wäre um ein Jahr verlängert worden. Es fehlt ein Leader.

Denis Popovic will im zentralen Mittelfeld Verantwortung übernehmen, Mahi ist am linken Flügel trickreich. Aber die Selbstverständlichkeit, ein Spiel über 90 Minuten durchzuziehen, sie fehlt noch. So wie nach dem 1:0 durch Marco Schönbächler kurz vor der Pause, der die Feldüberlegenheit - 7:0 Corner, 64 Prozent Ballbesitz - endlich in Zählbares umgemünzt hatte. Es war das erste Tor der Nummer 27 seit einem Jahr und die erste FCZ-Führung der Saison.

Befreiend? Im Gegenteil. Die Zürcher kommen lethargisch aus der Kabine, überlassen dem Gast das Spieldiktat komplett und müssen folgerichtig den Ausgleich durch Marcis Oss hinnehmen. «Diese 15 Minuten waren schlecht, das ist der einzige Vorwurf, den ich meinem Team machen muss», sagt Magnin.

In Panik zu verfallen angesichts des enttäuschenden Saisonstarts wäre nicht das Intelligenteste, erklärt Präsident Ancillo Canepa im Matchprogramm. Magnin sagt: «Unser Aufwand spiegelt sich nicht in den Punkten», fügt aber an: «Ich weiss auch, dass wir an den Resultaten gemessen werden.»

Statt des durchaus möglichen vierten Zwischenrangs mit sieben Punkten ist die Lage am Tabellenende mit zwei Punkten ungemütlich. Umso wichtiger wird das vorgezogene Spiel gegen St. Gallen. «Im Fussball hast du keine Zeit», sagt Magnin, «deshalb müssen wir am Mittwoch unbedingt gewinnen.» Besonders wichtig wäre das nicht zuletzt auch für ihn.

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