Sauerstoff für den angeschlagenen FC Zürich
Der FCZ in Gefahr, Teil 2

«Wir wollen ja auch ein emotionales Team», sagt FCZ-Sportchef Thomas Bickel

Interview von Flurin Clalüna und Peter B. Birrer
NZZ am Sonntag: Thomas Bickel, hat sich die Team- und Klubführung des FC Zürich nach der 1:3-Niederlage im Cup-Halbfinal gegen Basel einigermassen beruhigt?

Thomas Bickel: Nach einem solchen Spiel kommen Emotionen hoch, auch ich liess mich nach dem Match dazu verleiten, über den Schiedsrichter zu reden. Die Trainer, der Präsident und auch ich, wir alle waren aufgebracht. Das hat auch mit unserer Situation zu tun. Wut, Enttäuschung und Trauer, das gehört einfach dazu. Das muss auch sein. Wenn es im Rahmen bleibt, ist das vertretbar.

Offensichtlich blieb es nicht im Rahmen. Der Schweizerische Fussballverband greift hart durch mit Sperren gegen den FCZ-Trainer Ludovic Magnin, den Assistenten René van Eck und den Präsidenten Ancillo Canepa.

Wir sind mit der Begründung des Urteils nicht einverstanden und werden Rekurs einlegen. Wenn alles vorbei ist, muss man Haltung zeigen und differenzieren.

Wie differenzieren Sie?

Eigenes Unvermögen führte zum Ausscheiden. Und nicht der Schiedsrichter.

Im Fall eines Halbfinal-Siegs wären alle im Jubel übereinandergelegen. Wie im Cup-Final 2018. Doch wenn die Emotionen in die andere Richtung gehen, wird es kontraproduktiv.

Kontraproduktiv sagen Sie. Wir müssen selbstkritisch bleiben und souverän wirken. Ich nehme mich da nicht aus der Verantwortung, obschon ich emotional relativ ausgeglichen bin. Auch ich habe Interviews gegeben und über den Schiedsrichter gesprochen. Das Gesamtbild hat man ohnehin erst später und nachdem man Fernsehbilder gesehen hat.

Der Trainer Ludovic Magnin und sein Assistent René van Eck sind an der Seitenlinie sehr impulsiv. Fehlt da nicht ein Korrektiv?

Ich gehe hier jetzt nicht dazu über, den Trainer-Staff zu kritisieren.

Aber der Klub hat viel Feuer an der Seitenlinie.

Ja, wir wollen ja auch ein emotionales Team. Ich kann nur über mein Verhalten reden. Aber es darf nicht das Bild entstehen, dass alles auf den Schiedsrichter gelenkt wird. Der Auftritt der Mannschaft gegen Basel war besser als zuletzt. Sie lebt, hat aber auch Defizite. Sie liess ein Tor zu, das sie verhindern könnte. Sie hatte mehr Offensivaktionen als in den letzten Spielen, aber sie muss auch Tore erzielen.

Magnin sagte nach dem Spiel: Wenn wir so spielen wie gegen Basel, schaffen wir den Ligaerhalt locker. Sehen Sie das auch so?

Wir müssen nicht gleicher Meinung sein. Locker wird das sicher nicht.

Im Sommer 2018 hatte der FCZ den Cup-Sieg, die direkte Europa-League-Qualifikation, Geld und Sicherheit. Dachten Sie daran, ein Jahr später in eine solche Lage geraten zu können?

Nein, niemand hätte daran gedacht. Der Fussball ist kaum planbar.

Wähnte sich der Klub 2018 zu weit oben?

Die Gefahr besteht immer. Wenn es läuft, neigt der Mensch dazu, sich weniger kritische Fragen zu stellen. Umgekehrt ist es genauso.

Hat man sich zu sicher gefühlt?

Nein. Einen Garantieschein gibt es nie. Wie entwickelt sich der Spieler? Wie die Mannschaft? Wir hatten klare Vorstellungen von einer Struktur im Team. Wir trafen gemeinsame Entscheide, weil wir überzeugt waren, dass sich einzelne Spieler entwickeln würden. Für eine Analyse ist es sechs Spiele vor Saisonschluss zu früh. Auch ich stehe in der Verantwortung.

Was hat sich nicht gut entwickelt?

Ich will nicht auf Einzelheiten eingehen. Wir hatten Ab- und Zugänge. Diese Themen kommen jetzt an die Oberfläche. Wenn wir besser wären, würde niemand mehr von den Stürmern Raphael Dwamena und Michael Frey reden. Jetzt ist das natürlich anders. Dasselbe gilt auch für den Abgang von Victor Pálsson.

Auch viele Beobachter glaubten zunächst, dass der Klub diese Abgänge abzufedern imstande sei. Liess man sich blenden?

Nein, wir hatten klare Vorstellungen, wie die Mannschaft funktionieren kann. Sonst hätten wir gehandelt. Wir handeln nicht aus Zweifeln, sondern aus Überzeugungen.

Wird der FCZ im Sommer einen anderen Weg einschlagen?

Wir werden korrigieren müssen. Wir müssen jetzt auch ein Worst-Case-Szenario durchspielen.

Von unten droht Abstiegsgefahr. Gegen oben hat der FCZ über 20 Punkte Rückstand auf Basel und über 40 auf YB. Ist diese Kluft nicht viel zu gross?

Ja, aber ich sagte nie, dass wir auf Augenhöhe mit YB und Basel sein können. Ich liess mich nicht blenden.

Aber der Coach sagte, er wolle Zweiter werden.

Wenn er davon überzeugt ist, darf er das sagen. Die finanziellen Voraussetzungen wirken sich auf die Qualität des Kaders aus. Die Ansprüche waren hoch.

Zu hoch?

Ich sage hoch. Ich kann im FCZ nicht das Ziel ausgeben, nicht abzusteigen. Warum soll es nicht ehrgeizige Zielsetzungen geben? Utopisch waren wir nicht.

Nach dem Wiederaufstieg 2017 sprach man im FCZ von einer Übergangssaison, doch danach wollte man die Spitze angreifen.

Zumindest den Abstand verringern.

Doch der ist grösser geworden.

Ja. Im Spiel gegen Basel war zu sehen, wie uns Selbstverständnis und Selbstvertrauen fehlen. Das wirkt sich in den Abschlussversuchen aus. Fussball hat viel mit Psychologie zu tun.

Sehen Sie Parallelen zwischen heute und der Abstiegssaison 2015/16?

Damals war ich als Talentscout weiter weg. Heute haben wir schon länger die Wahrnehmung: Achtung. Das ist ein Unterschied zu 2016. Ich bin seit Wochen kritisch eingestellt, auch intern.

Sie sagten 2018, dass sich der Trainer jeden Tag neu erfinde. Tut er das immer noch?

Ja. Magnin geht noch mehr auf das Team ein. Das hat sich auf die Leistung im Cup-Halbfinal positiv ausgewirkt. Das Vertrauen ist nach wie vor da, die Mannschaft gab das zurück.

Wie kann man dem Trainer helfen? Er ist immer noch neu im Geschäft und kein Routinier.

Für mich gilt das auch. Wir waren verwöhnt: Aufstieg, Cup-Sieg, Europa League. Jetzt steigt der Druck. Wir sprechen uns intern deutlich aus. Der Wille eines jeden muss erkennbar sein.

Man stellt sich die Frage, ob der FCZ seit der Entlassung Uli Fortes im Februar 2018 weitergekommen ist. Das ist zu verneinen.

Es ist gibt eine äussere und eine innere Betrachtung. Faktum ist, dass wir nicht weiter sind. Wir sind in der Tabelle hinten.

Die Nachwuchsförderung war ein gewichtiger Grund für den Trainerwechsel von Forte zu Magnin. Kevin Rüegg spielte schon unter Forte, dazu gekommen ist einzig Toni Domgjoni.

Wir dürfen Mirlind Kryeziu nicht vergessen. Er spielte oft. Auch andere Junge hatten Europacup-Einsätze. Doch mit dieser Belastung und diesen Resultaten ist der Einbau schwieriger.

Die Lage des FCZ scheint kompliziert zu sein, da sind wohl in der Aufarbeitung mehrere Ebenen betroffen. An wie vielen Schrauben muss gedreht werden?

In der Mannschaft, im Staff und in der Klubführung ist keine Unruhe.

Wenn die Kaderplanung in die Kritik gerät, betrifft dies zuvorderst den Sportchef.

Da bin ich in der Mitverantwortung.

Ist es vielleicht sogar gut, geht der Cup-Final am FCZ vorbei? So können Sie schonungsloser analysieren.

Mir tut jede Niederlage weh, jede ist eine zu viel, das führt auch zu schlaflosen Nächten und kostet Energie. Ich leide. Warum? Immer diese Fragen. Man ist wütend, traurig, enttäuscht. Fussball ist auch Arbeit. Das müssen wir einfordern. Darauf haben wir im Verein Anrecht, das Umfeld, die Südkurve. Alle. Die Spieler sind in der Bringschuld. Wir alle sind das.

Wie beurteilen Sie den Zustand des Schweizer Klubfussballs?

Wir machen Ausbildung. Unser U-21-Team ist blutjung, Jahrgänge 1999, 2000 bis 2002. Extern holen wir Junge nur noch in Ausnahmefällen. Vielleicht brauchen wir einfach mehr Zeit. Dazu brauchen wir eine stabile 1. Mannschaft. Wir wollen mutig, aggressiv und mit hoher Intensität spielen.

Muss man sich um den Schweizer Fussball sorgen?

Nein, im Nachwuchs wird gut gearbeitet, auch im Nationalteam. Im Verhältnis zu unserer Landesgrösse stehen wir immer noch gut da.

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