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Dwamena schnürt Doppelpack bei Nati-Debüt!

Das Märchen des Raphael Dwamena: Das Wunder des Waisenjungen

Da musste Raphael Dwamena erst mehr als 6000 Kilometer weit reisen, um sich dann genau 177 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt seinen Lebenstraum zu erfüllen: einmal im Trikot der Nationalmannschaft zu treffen. Beim Länderspiel Ghanas gegen Äthiopien netzte er beim 5:0-Sieg der Black Stars gleich doppelt ein. Bereits in seinem ersten Länderspiel schoss er sich in die Herzen der Fans. In die der Zuschauer vor Ort im Baba-Yara-Stadion in Kumasi und in die der vor den Fernsehgeräten im ganzen Land. Das WM-Qualifikationsspiel mit dem Happy-End war der perfekte Schlusspunkt einer märchenhaften Saison, die kein Schreiberling Hollywoods hätte besser verfassen können.

Doch von vorne. Dwamena kam in Nkawkaw, Ghana, zur Welt. Seine Eltern lernte er nie kennen, er wuchs bei seiner Großmutter in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Fußball war sein Anker, der ihn seine Sorgen vergessen ließ, der ihm Halt gab. Er fiel früh durch seine körperliche Wucht auf, seinen Abschluss und seine Handlungsschnelligkeit.

2011 wurde er bei einem Nachwuchsturnier von Red-Bull-Ghana-Scouts entdeckt und schloss sich dem Red-Bull-Ableger an, der seit seiner Gründung im Jahr 2008 längst die besten Talente des Landes vereint und von dem es immer wieder Akteure nach Europa schaffen. So auch Dwamena. Im Januar 2014 ging es nach Europa, in die Jugendabteilung von Red Bull Salzburg. Vor Ort erst einmal der erwartbare Kulturschock. Schnee, perfekte Kunstrasenplätze, Eisbrocken im Strafraum, taktisch perfekt geschulte, ihm meist körperlich unterlegene Mitspieler.

"Ich habe sehr viel gelernt", so Dwamena gegenüber Blick über die Anfangszeit in Europa – und er beißt sich durch, wie er gegenüber Sport 1 erzählt: "Es war kein leichter Schritt, in jungen Jahren ohne Familie aus Afrika nach Europa zu kommen, um seinen Traum als Profi-Fußballer zu leben. Wir sind in einem knallharten Wettbewerb, Verletzungen oder Startschwierigkeiten sind nicht eingeplant", meint der Ghanaer: "Zudem habe ich mich damals einfach mit einer hartnäckigen Verletzung herumgequält, diese nicht ordentlich auskuriert, da ich mich schnell wieder zeigen wollte und so begann ein kleiner Teufelskreis."

In der ÖFB-U18-Jugendliga knipst er neunmal in elf Spielen, er ist zu gut für die Liga der Gleichaltrigen, weshalb es zum Farmteam FC Liefering geht, in die zweite österreichische Liga. Dort setzt er sich nicht durch, zu groß ist der Schritt von der U18 in den Herrenfußball zunächst. In der Folgesaison erzielt er zwar sechs Tore für Liefering, fällt aber auch mit einer Roten Karte auf. Am Ende der Saison entscheidet sich das Red-Bull-Projekt, ihn abzugeben. Vor der vergangenen Saison schlägt Austria Lustenau zu, ein österreichischer Zweitligist.

Dwamena stand nun an einem Punkt, an dem für viele, gerade nichteuropäische Talente eine Odyssee beginnt. Nicht wenige wechseln kreuz und quer durch den Kontinent, sind nurmehr Ware. Dominic Adiyiah ist das wohl prominenteste ghanaische Beispiel für diese Entwicklung.

Was in der Saison 2016/17 aber folgt, ist keineswegs das Verglühen des Sterns eines hoffnungsvollen Talents als vielmehr ein echtes Fußball-Märchen. Denn Lustenau-Coach Lassaad Chabbi setzt auf ihn, macht den damals 20-Jährigen zum Stammspieler – und wird belohnt. Dwamena war immer einer, der Vertrauen braucht, um Leistung zu liefern. Und wie er liefert!

In 20 Spielen erzielt er 18 Tore und bereitet fünf Treffer vor. Gegen Lustenau, das Red-Bull-Farmteam, das ihn aussortierte, trifft er beim 5:3 dreimal und bereitet die beiden anderen Buden vor. Die Scouts aus ganz Europa staunen nicht schlecht über den 1,85 Meter großen wuchtigen Stürmer, der da in Österreichs Unterhaus alles kurz und klein schießt. Bei Dwamena-Berater Philipp Degen fliegen Angebote en masse in den Postkorb.

Darunter auch eines von Spartak Moskau, das ihn mit einem Millionengehalt lockt, eigentlich zu gut, um es abzulehnen. Lustenau einigt sich mit dem russischen Spitzenklub. Und Dwamena? Lehnt ab. "Nach den Verhandlungen in Lustenau wurde ich gefragt, ob ich zu Spartak wechseln möchte. Aber ich habe abgesagt: Geld ist nicht alles", sagt Dwamena gegenüber SPOX. "Ich bin ein junger Spieler und muss an meine Karriere denken. Natürlich wollte Lustenau, dass ich bei einem Angebot von ein oder zwei Millionen wechsle, aber ich musste die beste Entscheidung für meine Karriere treffen." Beeindruckend reflektierte Worte für einen 21-Jährigen.

Nur Messi und Suarez sind besser als Dwamena

Stattdessen entscheidet er sich für die Offerte des FC Zürich, der in der zweiten Schweizer Liga um den Wiederaufstieg kämpft. Ein Traditionsklub, zudem im deutschsprachigen Raum. "Das Umfeld des FCZ passt zu mir", sagt Dwamena. Und setzt sein Märchen nahtlos weiter fort. Für die Zürcher erzielt er in 18 Spielen zwölf Tore, hinzu kommen sechs Vorlagen, der FC steigt auf.

Nebenbei hat sich Dwamena zu einem der besten Scorer Europas geballert (41 Saison-Scorerpunkte). In allen ersten und zweiten europäischen Ligen haben nur zwei Spieler noch mehr Scorerpunkte als Dwamena: Die beiden Superstars Lionel Messi (49) und Luis Suarez (44).

Dwamena ist 21 – und plötzlich in aller Munde. Mehrere Medien berichten, er selbst freut sich erst einmal über seine tolle Spielzeit und hat auch eine Begründung. "In Lustenau konnte ich mir die Zeit für einen Neustart nehmen, gesund werden und seitdem läuft es für mich super. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich", sagt er gegenüber Sport 1. "Heute spreche ich gut Deutsch, bin voll akklimatisiert und habe gezeigt, dass ich eine schwierige Zeit gut überwinden kann."

Im Juni folgte sein großer Auftritt im Baba-Yara-Stadion, sein Doppelpack in seinem ersten Länderspiel überhaupt, zu dem mit Sicherheit viele weitere hinzukommen werden. Ghana-Ikone Asamoah Gyan, übrigens Vorbild Dwamenas und beim Debüt sein Sturmpartner, zeigte sich nach der Partie begeistert: "Er muss noch viel lernen, bewegt sich aber schon jetzt sehr gut, er hat eine große Zukunft." Berater Degen stimmt in das Loblied mit ein: "Er hat das Potenzial, um bis ganz nach oben zu kommen."

Dwamena gibt sich – natürlich – bescheiden: "Es war eine Ehre, die Nationalfarben zu tragen", schreibt er auf Twitter. "Danke an jeden, der mich unterstützt hat. Gott segne Euch." Sein Glaube ist immer bei ihm, in den guten Momenten, von denen es in dieser Saison so viele gab, aber auch in den schlechten wie im April, als seine Großmutter, der er so viel zu verdanken hat, mit 72 Jahren verstarb.

So ist er sich sicher, dass er auch jetzt die richtige Entscheidung treffen wird. "Gott weiß, was das Richtige ist", sagt er. Gerüchten zufolge sollen der 1. FC Nürnberg und die Young Boys Bern konkretes Interesse haben. Es ist aber wahrscheinlich, dass sogar größere Namen in das Werben um ihn miteinsteigen. Schließlich spricht er fließend Deutsch, ist kopfballstark, hat einen starken Antritt und einen guten Riecher und Abschluss.

Dwamena muss "noch böser werden"

Sogar ein Engagement in der Bundesliga könnte für ihn in Frage kommen. So oder so: Der gläubige Christ, der mit seinem Mitspieler Gilles Yapi in der Bibel liest und Gospel hört, glaubt an "die kleinen Schritte", will nichts überstürzen. Einer dieser Schritte wird das Befolgen eines Wunsches von Zürich-Trainer Uli Forte sein: "Raphael ist für sein Alter ein erstaunlich reifer Fußballer. Er ist ein sehr anständiger und hochtalentierter Stürmer. Ich wünsche mir von ihm, dass er auf dem Platz noch viel böser und noch torgefährlicher wird."

Noch böser werden also. Raphael Dwamena wird es versuchen. Man kommt nicht umhin zu staunen, dass einer, der 41 Scorerpunkte einsammelte, noch viel Raum für Verbesserungen zu haben scheint. Über 6000 Kilometer entfernt von dem Ort, an dem alles begann, wird er seinen Weg gehen. Denn er sieht seine Situation so: "Es ist mit meinem Länderspiel ein Traum in der Erfüllung gegangen. Das kann mir keiner mehr nehmen."

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